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Gedenken : Auch in Güstrow loderten vor 79 Jahren die Flammen

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

9. November 1938: Heute Abend Andacht auf dem jüdischen Friedhof in der Neukruger Straße in Güstrow.

„Kristallnacht“ – Das war eine verharmlosende Naziterminologie zum Beginn einer Vernichtungsstrategie der später erfolgten Ausrottung der Deutschen jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung. Boykott jüdischer Geschäfte, Schutzhaft jüdischer Bürger, Verbrennen von Büchern und anderen Schriften, die nicht in die Naziideologie passten, Entfernung von so genannter Entarteter Kunst aus den Museen und Galerien. Und das alles obwohl die deutsch-jüdische Bevölkerung sich zum großen Teil assimiliert hatte oder sogar zum Christentum konvertiert war.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten in ganz Deutschland, von den Nationalsozialisten organisiert, fast alle Synagogen und andere jüdische Einrichtungen – heute vor 79 Jahren. Mehr als 280 jüdische Gotteshäuser wurden in Deutschland beschädigt oder zerstört, etwa 7500 jüdische Geschäfte geplündert und demoliert. Auch Güstrow blieb davon nicht verschont. Die Synagoge im Krönchenhagen brannte in dieser Nacht gezielt ab. Genug Feuerwehren waren vor Ort, hatten jedoch den Befehl, nur die angrenzenden Gebäude zu schützen. Man muss wissen, dass die Feuerwehren in der NS- Zeit zu einer Polizeitruppe geworden waren und damit der Befehlsgewalt der Polizei unterstanden.


„Tempel“ an Neukruger Straße brannte

Ein zweiter Brand wurde gelegt in der Trauerhalle, dem „Tempel“ auf dem jüdischen Friedhof an der Neukruger Straße. Trotzdem der Schaden überschaubar war, wurde die Trauerhalle anschließend abgerissen. Die Halle war 1910 vom deutsch-jüdischen Viehhändler Cohn gestiftet worden, wie auch das heute noch existierende Altersheim im Tiefe Tal. Erbaut worden war die Trauerhalle von der Güstrower Baufirma Feine.

Zu einem dritten Brand kam es in der genannten Nacht im Haus Baustraße 38, in dem der jüdische Uhrmacher Lustig Geschäft und Werkstatt hatte. Durch die Besonnenheit eines Feuerwehrmannes konnte der Brand mittels Feuerlöscher jedoch schnell gelöscht werden. Das Haus Nr. 38 lag inmitten anderer Wohnhäuser und hatte auch keinen jüdischen Eigentümer.

Die Gewalt gegen die Juden war mit Beginn des Zweiten Weltkriegs auf alle von den Deutschen besetzten Länder ausgeweitet worden und gipfelte bei der Wannseekonferenz in der „Endlösung“, also der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung im besetzten Europa. Im Jahre 1860 lebten in Güstrow 260 Bürger jüdischen Glaubens. Bis 1942 war die Stadt „judenfrei“ geworden. Am 10. Juli 1942 wurden die letzten zwölf Juden aus Güstrow nach Ausschwitz deportiert und ermordet.


Gedenken heute um 18 Uhr:

Heute Abend findet um 18 Uhr auf dem Jüdischen Friedhof an der Neukruger Straße in Güstrow die jährliche Andacht statt. Gedacht wird der ehemaligen jüdischen Bewohner der Stadt Güstrow und des Leides, das sie und die Juden Europas in der Zeit des Nationalsozialismus erfuhren.

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