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Die Zwölfjährige verunglückte tödlich, als sie einem Jungen helfen wollte : Anna - ein Jahr Schweigen

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Ein Achtjähriger springt vom Wehr ins Wasser. Als er lange unter Wasser bleibt, springt Anna hinterher. Der Junge taucht wieder auf, Anna bleibt verschwunden. Ein Jahr nach ihrem Tod erreichte uns ein Brief ihrer Mutter.

Bernitt//Zepelin | Ein achtjähriger Junge springt vom drei Meter hohen Wehr bei Zepelin ins Wasser. Dort gibt es es eine starke Strömung, es entsteht eine Wasserwalze. Als er ziemlich lange unter Wasser bleibt, springt die zwölfjährige Anna hinterher, um den Jungen zu retten. Der Junge taucht wieder auf, Anna bleibt verschwunden. Kameraden von fünf Feuerwehren kommen zum Einsatz, um Anna zu finden. Dabei gerät auch der Wehrführer der Zepeliner Wehr in Lebensgefahr. Nach fünf Minuten wird er von den Kameraden aus dem Wasser geborgen und erfolgreich reanimiert. Die zwölfjährige Anna findet man viel später. Über eine Stunde vergeht, zwischen dem Zeitpunkt, als sie ins Wasser springt und dem, als sie aus dem Wasser geborgen wird. Die Bemühungen der Ärzte, sie ins Leben zurückzuholen, haben keinen Erfolg.

Das alles passierte heute vor genau einem Jahr, am 10. Juni 2010, wenige Tage nach Annas zwölftem Geburtstag. Von Annas Mutter, Kati Möller, erhielten wir diesen ergreifenden Brief:

"Ach Mama, ich freue mich schon so aufs Erwachsenwerden..." Das waren deine Worte vor genau einem Jahr, als wir morgens zusammen unser Zuhause verließen. Es zählte zu deinen größten Wünschen, erwachsen zu sein. Die traurige, erdrückende Wahrheit ist, dass sich dieser Wunsch für dich niemals erfüllt. Doch Anna, für uns bist du erwachsener, als mancher es je sein wird!

Wir fragen uns, wie wir jemals deinen Tod erklären können? Wie sollen wir uns dafür vergeben, dass wir dir an diesem Tag nicht die Chance auf das von dir so geliebte Leben geben konnten? Mit den gleichen Worten, die wir so hören, Worte wie "Dinge passieren, man kann nicht alles verhindern, such keinen Schuldigen" oder Worte wie "nun ist ja auch mal wieder gut". Nein Süße, das können wir nicht, du bist kein Ding, so wie niemand auf dieser Welt. Ja und wir stimmen sogar zu, dass täglich Furchtbares geschieht, das nicht verhinderbar ist.

Bitter ist es zu wissen, ein klares "Nein" hätte deinen Tod an diesem Tag, an diesem Ort verhindert. Deine Wut und dein Unverständnis darüber hättest du deutlich gezeigt, aber heute längst verdrängt. Durch diese gewisse Sorglosigkeit und Nachlässigkeit, andere nennen es wohl Freiheit, ist unser Leben bestimmt von Trauer und Verlust.

Seit deinem Tod haben wir einen uns aufgezwungenen Weg zu gehen, ein Leben voller Schmerz, Angst und unerfüllbare Sehnsucht. Es wird nie wieder alles gut und wir sind nicht in der Lage, so wie vor diesem Verlust zu fühlen und einfach weiterzumachen. Obwohl es wohl das ist, was man von uns erwartet.

Verstehen können uns nur Wenige. Danke, das es euch gibt! Es sind jene Menschen, die uns wertvoll geworden sind. Sie drängen uns nicht zu funktionieren, sie weinen und lachen mit uns. Es sind diese Menschen, die nicht mit Ratschlägen um sich werfen. Sie wissen, was auch immer wir tun, wie sehr wir uns auch bemühen, wir können dich nicht verdrängen, du gehörst immer zu unserem Leben. Wir möchten über dich sprechen und nicht deinen Namen verschweigen. Es schweigen doch schon so viele. Ist es möglich, sich hinter dem Schweigen zu verstecken?

Es gab schon ein Brückenfest, es gab schon ein Kinderfest. Viel wird getan, um an dem Ort deines Todes, so zu tun, als wäre nie etwas geschehen. Es ist wohl normal, dass du Anna, mit gerade mal zwölf Jahren versucht hast, einen Freund zu retten.

Bitte verzeiht, aber bis heute haben wir von damals Anwesenden nichts vernommen, das deine Tat würdigt, dein Leben ehrt, an dich erinnert, nicht einmal das Wort danke.

Die Tage sind mühsam, die Nächte erscheinen oft endlos. Aber wir haben Felix und Julia, die wir so lange wie möglich in diesem Leben begleiten möchten. Wir haben dich, du hast uns so viele, wertvolle Spuren hinterlassen, es ist nicht möglich, sie zu verwischen."

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erstellt am 09.Jun.2011 | 11:18 Uhr

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