Obdachlos : Am Rande der Stadt, Zimmer 7

Die Klamotte „Hilfe, es weihnachtet sehr“ läuft im Fernseher für Heiko A. in seinem Mini-Zimmer im Sozialhaus.
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Die Klamotte „Hilfe, es weihnachtet sehr“ läuft im Fernseher für Heiko A. in seinem Mini-Zimmer im Sozialhaus.

Volkssolidarität gibt Menschen, die auf ihrem Lebensweg gestrauchelt sind, im Sozialhaus ein Obdach auf Zeit

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27. Dezember 2014, 08:00 Uhr

Theoretisch dürfte es sie – laut „Hartz IV“ – gar nicht geben, jene 27 Männer, die Weihnachten in dem Flachbau in der Lagerstraße verbracht haben. Hier, am Rande der Kreisstadt, kümmert sich Thomas Mense seit 22 Jahren um Menschen, die aber doch kein privates Obdach haben. Weil sie nach einer Scheidung strauchelten, den Jobverlust nicht verkraftet oder sich hoffnungslos verschuldet haben, frisch aus dem Knast kommen, dem Alkohol verfallen sind, weil sie ihr Leben nicht strukturiert bekommen – und niemand sie haben will oder aufnehmen kann.

Hier, im Sozialhaus der Volkssolidarität, hat in Zimmer 7 Heiko A. seit anderthalb Jahren sein Zuhause. Knapp 12 Quadratmeter misst sein Zimmerchen, in dem es schwer fällt, Ordnung zu halten. Größte Gegenstände sind die ausklappbare Schlafcouch und ein Fernseher. Auf dem kleinen Tisch dreht sich der 38-Jährige Zigaretten, nach denen riecht es im ganzen Haus. Zierpflanzenbauer habe er gelernt, erzählt er, und doch nie arbeiten können, wegen einer angeborenen Behinderung. Nachdem seine erste Frau am Krebs starb – ein Bild von ihr verwahrt er im Regal – und eine zweite Beziehung im Unguten scheiterte, habe er vor dem Nichts gestanden, erzählt Heiko. Ins Obdachlosenhaus vermittelt, sei er hier gut aufgenommen worden. „Da lasse ich nichts drauf kommen“, sagt er, und „mit Herrn Mense komme ich jetzt langsam wieder hoch. Ohne ihn und seine Kollegen wäre ich total unten.“ Die brachten ihn zu einem gerichtlichen Betreuer, mit dessen Hilfe er seine Schulden abarbeitet. „Die müssen erst runter. Aber ich will unbedingt wieder selbstständig wohnen.“ Arbeiten auch, aber das gehe wohl nicht, wie mehrere Versuche offenbarten. So hofft Heiko auf eine amtlich bestätigte Erwerbsunfähigkeit, vielleicht im nächsten Jahr. „Aber wie ich die Jahre für eine auskömmliche Rente zusammenkriegen soll?“, das frage er sich dann trotzdem.

„Ihre Familie vermissen sie alle“, ist sich Barbara Schäfer, Vorstandsvorsitzende des VS-Kreisverbandes Mecklenburg-Mitte, sicher. Ihre Mitarbeiter – neben Thomas Mense kümmern sich Eike Karger mit „geringfügiger“ Beschäftigung und ehrenamtlich ein ehemaliger Bewohner – wollten deshalb das ganze Jahr über ihren Bewohnern zeigen, dass sie Teil unserer Gesellschaft sind. Sie waschen, gehen mit ihnen zusammen einkaufen, setzen die Hausordnung durch. Und sie spannen die Bewohner wie zuletzt in die Vorbereitung des Weihnachtsmarktes der Volkssolidarität ein. „Das rührte sie sehr“, hat Schäfer beobachtet. Die meisten, sagt sie, hätten „ein ganz liebes Herz, das ihnen leider oft verloren ging“. So ist der Umgang im Haus auch nicht immer nur harmonisch. Alkohol spielt für viele eine große Rolle. „Der wird von mir dann zugeteilt“, erklärt Thomas Mense, der mit seiner Respekt einflößenden Erscheinung vor Aggressionen wenig Furcht hat.

35 Plätze, in der Regel Doppelzimmer, hat die VS in der Lagerstraße zur Verfügung. Die Männer, gelegentlich ist auch mal eine Frau dabei, sind zwischen 26 und 74 Jahre alt. Manche können nach Monaten wieder ins eigene Leben entlassen werden, manche bleiben Jahre in dem Haus. Den Unterhalt betreiben sie praktisch selbst, durch die ihnen gesetzlich zustehenden Regelsätze. Da sie aber ausnahmslos mit kaum mehr als nichts ins Obdach kommen, ist das Sozialhaus immer auf Spenden – vor allem Bekleidung und die Vielfalt des Hausrats – angewiesen, sagt Barbara Schäfer.

Eine Feier oder so gibt es für die Bewohner der Lagerstraße Weihnachten nicht. Ein kleiner geschmückter Tannenbaum im Windfang der Baracke kündet von den Festtagen. Und ein spezielles Essen, das die VS-Großküche in Bossow für den Heiligen Abend bereitet hat: Wildlachs in Dillsoße, dazu Rote Beete. „Das haben alle weggeputzt“, freute sich Betreuer Thomas Mense für seine Schützlinge über die Überraschung.

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