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Historisch : Abwechslung in norddeutscher Monotonie

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Alte Güstrow-Lithographie auf Trödelmarkt entdeckt / Freundliche und sehr ungalante zeitgenössische Beschreibungen Mecklenburgs und seiner Frauen

Eine 175 Jahre alte Güstrower Lithographie tauchte jetzt auf einem Trödelmarkt in Aachen auf. Sie lag unter allerlei Kram und Krempel zusammen mit einigen Texten über Mecklenburg und Güstrow aus derselben Zeit. Entdeckt hat die Raritäten der Journalist und Sammler Atze Schmidt aus dem Emsland, der sich mit seinem Fund an unsere Zeitung wandte.

Die Lithographie zeigt den Güstrower Marktplatz, wie er damals, um das Jahr 1840, wohl ausgesehen hat. Über die Stadt schrieb 1844 ein gewisser C. C. F. Lisch: „Sie bestand ohne Zweifel schon zur wendischen Zeit. Die deutsche Stadt ward im Jahre 1222 an dem rechten Ufer der Nebel gegründet, doch jetzt liegt sie reizend und bequem am linken Ufer des Flusses. Der Boden ist hier fruchtbarer, die Seen und anderen Gewässer und die fetten Weiden sind näher.“

„Deutschland und die Deutschen“ ist ein Buch betitelt, in dem sich Eduard Beurmann, ein aus Bremen stammender Advokat und seinerzeit bekannter Autor landeskundlicher Beschreibungen, zunächst recht freundlich über Mecklenburg äußert. In seinem 1839 verfassten Text heißt es: „Mecklenburg bietet stets eine erfreuliche Abwechslung. Jedenfalls erscheinen seine fetten und frischgrünen Wiesen, die Gehölze, die Seen und die Hügel mit dem Fernblick auf die Ostsee wie Oasen in der norddeutschen Natur-Monotonie.“ Doch das war für Beurmann, der für seine kritischen Bemerkungen bekannt und gefürchtet war, wohl schon zu viel der Nettigkeit, denn es folgt sogleich der Satz: „Gott hat mehr für Mecklenburg gethan als die Menschen, die längst für bessere Landstraßen und bessere Posteinrichtungen hätten Sorge tragen können.“

Was ihm nicht gefiel, das hat der Verfasser zahlreicher Abhandlungen stets ohne Umschweife zum Ausdruck gebracht. Was er über Mecklenburgs Frauen schreibt, das ist allerdings nicht nur ungalant, sondern schon deftig. „Schönheit darf man hier unter den Weibern nicht suchen“, lesen wir. „Denn die Seenebel wirken nachtheilig auf den Teint, die Lebensweise dehnt die Formen über die Anmuth hinaus aus, und der Boden, der für den Ackerbau eingerichtet ist, verlangt einen kräftigen breiten Fuß. Blonde Haare und blaue Augen sind die einzigen Reste deutscher oder vielmehr slawischer Schönheit.“

Das Jahr, in dem die Güstrower Lithographie geschaffen wurde, ist in den Geschichtsbüchern gleich mit mehreren Einträgen vertreten: Im Juni starb König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, neuer König wurde Friedrich Wilhelm IV. In der preußischen Armee wurde das Zündnadel-Hinterlader-Gewehr eingeführt. Justus von Liebig schuf mit einer wegweisenden Veröffentlichung die Basis für die moderne Agrikultur. Und der Pädagoge Friedrich Fröbel gründete den ersten Kindergarten…

Die Lokalredaktion stellt der überlieferten Marktansicht einmal die aktuelle Perspektive vom gleichen Standort gegenüber. Anders als der Fotograf schaute der Zeichner wohl aus einem Fenster von „August dem Starken“ auf das Geschehen vor dem Rathaus. Auch wenn heute hier und da schöne Bäume den Blick etwas verstellen, so kann man doch an vielen Details gut ausmachen, wie sich die Gestaltung des Platzes und mancher Häuser in den vergangenen 175 Jahren veränderten – oder auch nicht.

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