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Güstrower Anzeiger

24. September 2017 | 08:56 Uhr

Polchow : 800 Jahre und kein Ende in Sicht

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Polchower Sommer-Linde auch nach Abbruch eines Stämmlings weiterhin vital – Schnittmaßnahmen allerdings notwendig.

von
erstellt am 27.Jul.2017 | 12:00 Uhr

In der Nacht auf den 23. Juni gab der westliche Stämmling der Polchower Linde einem schweren Regensturm nach und brach oberhalb des Stammfußes ab. Schnell machte sich Sorge breit, ob die so genannte 1000-jährige Linde damit insgesamt in Gefahr ist. Die Baumexperten Maren und Wolf-Peter Polzin von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises können entwarnen. Wie es aussieht hat sich der Baum eines Stämmlings entledigt, um insgesamt wieder mehr Stabilität zu erreichen. Sein Blätterdach war ihm zu schwer geworden. Schnittmaßnahmen werden im Spätherbst und im nächsten Frühjahr die „Selbstheilung“ des Baumes unterstützen. Allerdings sehen sich die Baumexperten veranlasst einen Plan für die Zukunft zu erarbeiten. Vermutlich wird so ein Eingriff künftig in einem Zehn-Jahres-Rhythmus notwendig sein.

Eine einzige Linde mit Stämmlingen

Geht man davon aus, dass die ehemalige Kirche (1888 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt) und die Linde auf dem Kirchhof gleichen Alters sind, dürfte der Baum zwischen 800 und 900 Jahre alt sein. Für eine Linde sei das so ungewöhnlich nicht. „Sie wachsen zwar nicht lebenslang in die Höhe, stellen jedoch das Dickenwachstum nicht ein. Während das innere (tote) Holz mit den Jahrhunderten von Insekten, Pilzen und Bakterien nach und nach abgebaut wird, leben die äußeren Schichten weiter, leiten in ihren Gefäßen Wasser und Nährstoffe in die Krone und Kohlenhydrate in die Wurzeln, produzieren neues Holz – und vereinzeln sich auf die Weise nach und nach“, erklärt Wolf-Peter Polzin. Die Polchower Linde, eine der ältesten Bäume Mecklenburgs und der dickste bekannte Ostdeutschlands, sei ein exemplarisches Beispiel dafür.

Auch weiß man seit einer genetischen Untersuchung 2012, dass es sich nicht, wie auch hätte vermutet werden können, um mehrere Bäume handelt, sondern dass es eine einzige Sommer-Linde ist, informiert Wolf-Peter Polzin. Nun seien die Jahre an der alten Linde nicht spurlos vorüber gegangen. „Als Lebewesen wird die Linde eines Tages oder eines Jahrzehnts sterben müssen; bei Bäumen kann das Finale ein ganzes Menschenleben andauern“, so der Baumexperte. Noch aber sei die Zeit nicht gekommen.

Nach einem radikalen Schnitt, der 2008 die Krone entlasten sollte, habe sich die Linde stark und vital gezeigt. „Die neuen Austriebe an den Schnittstellen vermitteln nicht den Eindruck, als würde sich ihr Leben dem Ende neigen, als würde es ihr auch nur schlecht gehen: Starke, junge Triebe, vitales Grün, große Blätter, artgerechte Verzweigung“, betont Polzin. Doch die neu entstandene Biomasse drücke auf das Holz. So sei es zum Abbruch des westlichen Stämmlings gekommen.

Was dabei zu Tage trat, hat selbst Maren Polzin, die die Linde seit Jahrzehnten kontinuierlich beobachtet, überrascht. Denn offensichtlich hat sich die Linde schon längere Zeit auf diesen Abgang vorbereitet. „Der Stämmling ruhte nur noch auf dem Holz der letzten Jahresringe wie auf einem hohlen, dünnen Außenskelett. Hinter dieser Wandung hatte sich jedoch ein neuer Stamm gebildet, eine Art Innenskelett, das den verbliebenen östlichen Teil der Krone stabilisiert und versorgt“, erklärt Maren Polzin und fügt hinzu, das ein Brandkrustenpilz an der Bruchstelle den sich anbahnenden Bruch augenscheinlich beschleunigt habe. Außerdem verlaufe unterhalb der Bruchstelle in der Borke des Stammes ein Querriss, der jedoch nur das „Außenskelett“ umfasst und daher für die Festigkeit des Baumes keine Bedeutung mehr hat. Er sei erst durch den Ausbruch und die damit einhergehenden Erschütterungen entstanden. Insgesamt habe sich die Linde damit selbst stabilisiert, eine Art Astreinigung vorgenommen, wie es Maren Polzin formuliert.

Enorme Vitalität lässt auf Zukunft hoffen

Die Ast- und Blattmasse könnte auch an anderer Stelle zu einen weiteren Bruch führen. Deshalb ist für den Herbst, nachdem die Linde ihre jährlichen Reservestoffen eingelagert hat, eine erste Schnittmaßnahme geplant. Ein etwas tiefer gehender Schnitt soll im zeitigen Frühjahr das Austreiben neuer Blätter und Zweige erleichtern. „Ihre enorme Vitalität lässt uns zuversichtlich sein, dass sie auch dieses Mal keinen Schaden nehmen und wieder austreiben wird“, betont Wolf-Peter Polzin. Er hofft, dass möglichst viele Menschengenerationen den Zukunftsplan, den man jetzt erarbeite, fortführen. Der Kirchenverwaltung obliege es, das Betreten des Kronentraufbereichs einerseits so einzuschränken, dass jedermann die potentielle Gefahr herabfallender Äste erkennen kann, andererseits die Denkmale Kirche, Friedhof und Sommer-Linde als Ensemble nicht beeinträchtigt werden. So wünschen es sich die Baumexperten Maren und Wolf-Peter Polzin.

 

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