23 Uhr letzte Küche gewischt

<strong>Carlos Mejia Villatoro</strong> aus Honduras kocht. Drei Herde und zwei Spülen hat eine Küche.
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Carlos Mejia Villatoro aus Honduras kocht. Drei Herde und zwei Spülen hat eine Küche.

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20. März 2013, 06:37 Uhr

Bad Doberan | Es ist ein eher unscheinbarer Bau über Eck, zwei Etagen. An der Krim 2 in Bad Doberan befindet sich seit zehn Jahren das Asylbewerberheim. Manches Mal schon bin ich mit dem Rad daran vorbeigefahren ohne registriert zu haben, dass sich ein solches Heim hier befindet. 160 Plätze, doch nur 120/130 davon sind belegt. "Im Haus wird abschnittsweise renoviert", erklärt Kathrin Braun, die Leiterin des Hauses.

Der Hof ist in Schnee gehüllt. Hans Lankow und Jürgen Willert schieben ihn beiseite. Sie sind dieser Tage mehr als Hausmeister denn als Betreuer tätig. Im Hauseingang stehen Kinder-Winterstiefel. Vergessen? Rechts ein langer Flur, links ein langer Flur. Braun sucht gerade etwas in der Ablage auf dem Schreibtisch. Zwei Männer warten geduldig. Nein, die Post, auf die sie warten, ist nicht dabei. Olga Oswald muss jede Menge Bürokratie bewältigen. "Morgen kommt die erste Gruppe der 30 neu angekündigten Asylbewerber aus Horst", erklärt Braun und hält eine Liste in der Hand. Gleich nach unserem Gespräch fährt sie wieder in das Internat. Eine Etage wird dort als Übergangslösung hergerichtet. "Wir müssen ihnen gleich klar machen, dass das nur eine Übergangslösung ist", betont die Einrichtungsleiterin. Sie werden nach Güstrow kommen, wenn das Objekt am Waldweg aufnahmebereit ist.

Vormittägliche Ruhe - Kinder sind in der Schule

Eine Frau klopft aufgeregt und hält einen Brief in den Händen. "Nur ganz kurz", sagt sie in gutem Deutsch. Sie habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Die Kinder, die besser Deutsch können, hätten gemeint, dass es eine gute Nachricht sei. Wirklich? Braun liest. Schnell hellt sich ihr Gesicht auf. Gute Nachricht vom Oberverwaltungsgericht Schwerin. Die Familie der Frau wohnt nicht mehr im Heim, hat eine Wohnung in Bad Doberan, aber man stünde weiter in Verbindung. Als sie geht, führt die Einrichtungsleiterin durchs Haus. Einladend sehen die langen Flure nicht aus. Hier und dort stehen Schuhe und Latschen vor den Türen. Es ist ruhig. "Die Kinder sind im Kindergarten und in der Schule", erklärt Braun. 40 Kinder und Jugendliche bis 18 wohnen im Heim. Sie gehören in 27 Familien und zu neun allein erziehenden Müttern. Die meisten der Bewohner seien allein stehend. Jeder Flur besteht aus zwei Einheiten: Zimmer, Küche, Sanitäreinrichtungen - je eine Toilette und eine Dusche für Frauen und Männer -, ein Gemeinschaftsraum. Carlos Mejia Villatore kocht. Kartoffeln, Fleisch und Salat soll es geben. Die Bewohner des von der MV Malteser Werke GmbH geführte Heim versorgen sich komplett selbst. Meist werde abends gekocht, berichtet Kathrin Braun. Für einen kleinen Obolus werde auch die Reinigung selbst erledigt. Meist sei um 23 Uhr die letzte Küche und der letzte Flur gewischt, danach kehre Ruhe ein. Eine Frau aus Afghanistan schaut nach ihren Töpfen. "Heute ist afghanisches Neujahrsfest", erklärt sie. So wundert sich Braun nur einen kurzen Augenblick, als sie einen Jungen antrifft, der eigentlich in der Schule sein sollte. Aber an einem solchen Festtag, da fällt die einmal aus. Beide vereinbaren noch schnell, dass Braun noch einen Entschuldigungszettel schreibt.

"Die Leute wollen Deutsch lernen"

Als ich ein Zimmer sehen will, überlegt die Heimleiterin. Sie weiß, wo lange geschlafen wird, wo selten aufgeräumt ist. Zwei Afrikaner gestatten einen Blick in ihr kleines Zimmer - zwei Betten, Spind, Kühlschrank, Fernseher.

Die Kunst, so berichtet Braun, bestehe darin, die Belegung in den Wohneinheiten so hinzubekommen, dass die Chemie einigermaßen stimmt. Natürlich gebe es auch Auseinandersetzungen. "Bei so vielen Menschen verschiedener Herkunft auf engstem Raum bleibt das nicht aus", sagt sie. Aber es passiere nicht jeden Tag. Die Bewohner stammen aus Afghanistan, Iran, Russland, Ghana, auch die ersten Syrer seien jetzt gekommen. Braun, die Lateinamerika-Wissenschaften studiert hat, ist besonders der Gruppe aus Mexiko und Honduras eine sprachliche Hilfe. Froh ist sie, dass über das Netzwerk für Flüchtlinge Sprachkurse in Rostock angeboten werden. Im Heim selbst gebe es auch Hilfe und einmal im Jahr einen Intergrationskursus an der Doberaner Volkshochschule. "Die Leute wollen Deutsch lernen", stellt sie fest. Da gebe es nur wenige Ausnahmen.

Als letztes schließt sie das Spielzimmer auf. Es ist frisch renoviert. Alle Gemeinschaftsräume im Haus sind verschlossen. Hier und da gibt es Schlüsselgewaltige, wie beispielsweise für die Waschküche. An der Tür hängt ein Plan, zu welchen Zeiten die Waschmaschinen bestückt und wieder entleert werden können. So viel Ordnung muss sein.

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