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Bau der Nordeuropäischen Erdgas-Leitung Spritztour entlang der Trasse

Von Jens Griesbach | 08.09.2011, 04:59 Uhr

Die Arbeiten an dem 57 Kilometer langen Abschnitt der Erdgastrasse im Landkreis Rostock laufen auf Hochtouren. In der ersten Jahreshälfte 2012 soll alles fertig sein. Ende des kommenden Jahres soll das Erdgas fließen.

Auf einem Feldweg bei Mamerow stauen sich die Schwerlasttransporter. Jeder ist mit einem 18 Meter langen und 15 Tonnen schweren Rohr beladen. Langsam hebt ein riesiger Kran eines dieser Ungetüme vom Transporter und und lässt es am Feldrand runter. Mehr als 50 dieser Rohre liegen hier bereits. "Wir bestücken dieses Rohrlager gerade. Zwei weitere befinden sich bei Kölln und Groß Tessin - entlang der zukünftigen Erdgastrasse", sagt Andreas Kipper. Er ist Sicherheitsingenieur der Firma Streicher, spezialisiert auf den Pipelinebau. Das bayrische Unternehmen baut für die Wingas-Gruppe Teile der Nordeuropäischen Erdgas-Leitung (NEL), auch den Trassenabschnitt durch den Süden des Landkreises Rostock. Die Vorbereitungen zum Pipelinebau zwischen Lohmen und Altkalen sind nahezu abgeschlossen. In sechs Wochen sollen die ersten Rohre verlegt werden.

57 Kilometer lange Schneise durch Landkreis

Kipper schwingt sich wieder in seinen Geländewagen. Täglich ist der Diplom-Ingenieur "auf der Trasse", wie er sagt, und inspiziert die Arbeiten vor Ort. Auf einer Breite von 36 Metern schlängelt sich die Trasse auf 56 Kilometern durch den Süden des Landkreises, der Mutterboden ist fast überall abgetragen, querende Fremdleitungen sind gesichert und Baustraßen in schwer zugänglichem Gelände angelegt. Wie in Mamerow werden die Rohre, durch die Ende 2012 russisches Erdgas nach Deutschland fließen soll, an der Trasse verteilt. "Demnächst werden wir die Rohre zu bis zu zwei Kilometer langen Strängen verschweißen, den Graben öffnen, die Rohre absenken und den Graben wieder verfüllen", erklärt Kipper ganz nebenbei eines der größten Bauprojekte in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns und macht sich auf den Weg nach Vogelsang.

Unweit des kleinen Dorfes entsteht eine so genannte Absperrstation für die Erdgasleitung. Zwei Bagger bewegen Tonnen von Erde. "Alle 15 Kilometer bauen wir diese überirdischen Absperrstationen. Damit können wir die Leitung im Havariefall schnell abriegeln", erklärt Kipper. Knietiefer Schlamm beherrscht die Baustelle. "Der starke Regen der vergangenen Wochen ist ein großes Problem für uns", erzählt der Pipeline-Experte. "Immer mussten wir die Trasse wieder herstellen. Höhere Kosten und Verzögerungen sind die Folge. Dennoch liegen wir gut im Zeitplan." Doch der ist eng. Auch im Winter wird gearbeitet. "Schlechtwetter" kennt Kipper nicht. "Es wird planmäßig durchgearbeitet." Schließlich soll die insgesamt 440 Kilometer lange NEL in der ersten Jahreshälfte 2012 fertig sein.

Kipper macht einen Abstecher nach Hoppenrade. Hier hat die Firma Streicher seit Beginn der Arbeiten im Landkreis im April ihr Basislager aufgeschlagen. Dusch-, Toiletten- und Bürocontainer reihen sich auf einem Feld aneinander - und mehr als 100 Wohnwagen. "Hier wohnt der Großteil unser rund 250 Mitarbeiter", sagt Kipper und deutet auf die Wohnwagen. "Ganz Deutschland ist hier vertreten", erzählt er. Die Mitarbeiter kommen aus Bayern, Niedersachsen, Hessen oder Sachsen. Kipper selbst stammt aus Thüringen, hat seinen Wohnwagen während der Bauarbeiten auf dem Campingplatz in Krakow am See stehen. "Mit einem eigenen Wohnwagen hat man eine vertrautere Atmosphäre als in einer Pension. Gerade wenn man so lange von zu Hause weg ist."

In Hoppenrade ist auch die Basis für die 92 Großgeräte, die beim Pipelinebau im Einsatz sind: 140 Tonnen schwere Kräne, 80 Tonnen schwere Bagger zum Öffnen der Gräben, Seitenbäume zum Verlegen der Rohre und Bagger aller Gewichtsklassen. "Dieseldiebstahl ist ein großes Problem für uns", bemerkt Kipper. Zwar seien Sicherheitsleute engagiert, um die Baustellen zu bewachen, das sei aber nicht lückenlos möglich. "Vor kurzem haben Diebe uns einen Bagger bei Lalendorf komplett leergepumpt."

Kippers Geländewagen fährt entlang der Trassenführung weiter nach Charlottenthal. Kurz vor dem Ortseingang aus Richtung Güstrow wurde hier bereits eines der Rohre verlegt - unter der Straße. Beiderseits der Straße klafft eine riesige Baugrube. "Das ist hier schon fertig, wie auch bei Reimershagen", sagt Kipper. Allerdings sind noch einige Straßen zu unterqueren, auch die Autobahn 19 bei Bansow. In Mecklenburg-Vorpommern kreuzt die NEL insgesamt 70 Straßen, davon vier Autobahnen, 15 Bahnlinien und zwei Bundeswasserstraßen.

Vorbei am bereits voll ausgerüsteten Rohrlager bei Groß Tessin fährt Kipper zurück nach Güstrow. Hier in der Friedrich-Engels-Straße haben die Firmen Streicher und Wingas für die Zeit der Bauarbeiten ihr Planungsbüro. An den Wänden des langen Flures hängen die Pläne mit den einzelnen Bauabschnitten. Kipper, kein Mann großer Worte, beginnt nach Tour doch zu sinnieren. "Dieser Pipelinebau ist eine große Herausforderung für Mensch, Technik und Logistik. Schließlich handelt es sich mit einem Durchmesser von 1,40 Meter um die größte Erdgasleitung in Europa", sagt er. Durch die NEL soll einmal ein Fünftel des deutschen Jahresverbrauchs an Erdgas fließen. "Das ist schon eine Größenordnung", so Kipper.

NEL: Gas aus Russland nach Deutschland

Die 440 Kilometer lange Nordeuropäische-Erdgas-Leitung (NEL) soll mit einem geplanten Durchmesser von 1,40 Meter im Herbst 2012 fertig gestellt werden und russisches Erdgas vom Anlandepunkt der Ostseepipeline Nord Stream in Lubmin in Richtung Rehden in Niedersachsen transportieren. Im dortigen Erdgasspeicher kann das Erdgas aus Russland eingelagert oder weiter in das westeuropäische Leitungsnetz gespeist werden. Die Erdgasleitung führt durch Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg sowie Niedersachsen. In MV liegt mit 240 Kilometern der Großteil der NEL. Die Leitung hat eine Transportkapazität von rund 20 Milliarden Kubikmetern Erdgas pro Jahr, das entspricht ungefähr einem Fünftel des deutschen Jahresverbrauchs.

Bauträger der Erdgasleitung sind die Wingas GmbH & Co. KG, der niederländische Gasnetzbetreiber Gasunie und die E.ON Ruhrgas AG. Wingas gehört zu den größten Erdgasversorgern Deutschlands. Das Energieunternehmen ist im Erdgashandel in Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Niederlande und der Tschechischen Republik aktiv. Mit seinen Erdgasspeichern gehört Wingas zu den größten Speicherbetreibern in Europa. Das mehr als 2000 Kilometer lange Netz der Tochtergesellschaften Wingas Transport GmbH und OPAL NEL Transport GmbH verbindet die großen Gasreserven Sibiriens und die Erdgasquellen in der Nordsee mit den wachsenden Absatzmärkten in Westeuropa.