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Güstrow Gegen Antisemitismus unterwegs

Von Redaktion svz.de | 01.06.2019, 05:00 Uhr

Wilhelm Reichel aus Güstrow pilgerte auf dem Israel National Trail.

„Es war ein spannender Weg mit sehr vielen Begegnungen, der auch herausfordernd für mich war“, lautet das Resümee von Wilhelm Reichel. Der 74-Jährige pilgerte in fünf Wochen von den Quellen des Jordans bis nach Jerusalem, etwa 500 Kilometer auf dem Israel National Trail. Inzwischen ist er wieder zu Hause in Güstrow angekommen und hat viel zu erzählen.

Für den passionierten Pilger war dieser Weg nach seinen Pilgerreisen nach Santiago oder auch nach Rom besonders wichtig. „Ich war stellvertretend gegen den Antisemitismus, der in Deutschland wieder wächst, unterwegs“, stellt der Ruheständler klar. Genau diesen Grund habe er vielen Menschen in Israel genannt.

Immer wieder kam es zu interessanten Begegnungen – ob es während der Suche nach einer Unterkunft war oder als Wilhelm Reichel in einem Ort den Weg nicht wieder fand. „Immer bekam ich Hilfe, wurde aufgenommen und sogar versorgt“, erzählt er. Besonders im Gedächtnis wird ihm die Begegnung mit zwei orthodoxen Juden bleiben. Ihnen hatte er von seinem Grund des Pilgerns in Israel erzählt. „Gehen sie wieder nach Hause und erzählen sie von uns, von ihren Erlebnissen und von Israel. Aber dann kommen sie wieder“, hatten sie ihn gebeten.

Trotz weniger Sprachkenntnisse kam Wilhelm Reichel genau dort an, wo er immer als Pilger hin wollte: Jerusalem. Zahlreiche Bekannte und Freunde hatten ihm Anliegen mit gegeben, die der 74-Jährige auf seinen Weg mitgenommen und bewegt hatte und schließlich auch an der Klagemauer ließ.

Sein Resümee fällt sachlich aus: „Der Pilgerweg war anders, als ich es mir vorgestellt habe“, sagt Wilhelm Reichel. Während der Weg durchs Gebirge sehr anstrengend war und er sehr auf jeden Schritt achten musste, erlebte er den Einzug in Jerusalem mit relativer Nüchternheit. Und dennoch sei Israel ein ganz anderes Land, als es oftmals in den Medien präsentiert werde. „Es ist ein Mosaik von Menschen, Landschaften, Nationalitäten, Kulturen und Religionen. Ich wünschte, dass viele dieses Land erleben, damit sie ein realistisches Bild bekommen“, formuliert Reichel. Grenzerfahrungen wegen der Schwere des Weges ließen ihn nachdenklich und fragend werden. War das sein letzter großer Pilgerweg? Wird es jemanden geben, der seine in MV aufgebaute Pilgerwege weiter führt? Diese Fragen bewegen den Güstrower. Und dennoch sagt er vor allem Danke. Insbesondere für die Schöpfung, die er in Vielfalt erleben durfte, aber auch für herzliche Aufnahmen in Pfarrhäusern, Klöster und bei privaten Personen. Die lange Zeit des Schweigens und der Einsamkeit tat ihm gut, eröffnete neue Sichtweisen und offenbarte neue Möglichkeiten.