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Susanne Georgi half als Ärztin ohne Grenzen in Zentralafrika : Grenzerfahrungen im Tschad

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Als Susanne Georgi den Tschad verließ, herrschten dort Tagestemperaturen von durchschnittlich 57 Grad. Für sieben Monate arbeitete sie dort als Ärztin ohne Grenzen.

svz.de von
erstellt am 27.Apr.2011 | 08:29 Uhr

Schwerin | Als Susanne Georgi den Tschad verließ, herrschten dort Tagestemperaturen von durchschnittlich 57 Grad. Das war vor knapp drei Wochen. Doch den winzigen Sonnenbrand auf der Nase hat sich die junge Ärztin nicht in Zentralafrika, sondern im Eiscafé in Schwerin geholt. Hier besucht sie gerade ihre Eltern. Das erste Wiedersehen, nachdem die Tochter vor acht Monaten als Ärztin ohne Grenzen in den Tschad ging. Susanne Georgi hat ihrer Familie und ihren Freunden eine Menge zu erzählen. Aber auch der Öffentlichkeit. Über ihre Arbeit zu berichten, gehört ebenfalls zu den Aufgaben der Ärzte ohne Grenzen - über Menschen, die an Krankheiten sterben, an denen in Europa heute niemand mehr stirbt. Über krisengeschüttelte und vom Klima gebeutelte Regionen. Susanne Georgi wird ernst, wenn sie über diese Seite ihrer Arbeit im Tschad spricht. "Ich habe viele Kinder sterben sehen, mehr wahrscheinlich als ein normaler Kinderarzt in Deutschland in seiner ganzen Laufbahn. Das war unglaublich schwer. Auf so eine Erfahrung kann man sich nicht vorbereiten." Es kamen auch Tage, an denen sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. "Aber es gab immer so viel Arbeit, dass kaum Zeit war, länger noch über einen Fall nachzugrübeln. Wir haben Zweijährige behandelt, die wogen gerade mal drei Kilo - weniger als viele Babys in Deutschland bei der Geburt." All diese Bilder, Eindrücke, Erfahrungen sacken erst jetzt, werden verarbeitet, bewertet. "Ich habe aber immer das Gefühl gehabt, dass meine Arbeit im Tschad sinnvoll ist - sinnvoller als in Deutschland sogar. Es ist ein gutes Gefühl, Verantwortung zu haben, etwas selbst in die Hand nehmen zu können. Und wir haben eine gute Arbeit gemacht."

Seit sie sich erinnern kann, wollte Susanne Georgi Ärztin werden. Geboren wurde sie 1981 in Schwerin, machte ihr Abitur auf dem Goethegymnasium, begann 1999 ihr Medizinstudium in Leipzig. Zweimal Frankreich, einmal Spanien - schon während des Studiums zog es die Schwerinerin ins Ausland. Im Februar 2008 nahm Susanne Georgi eine Stelle in Potsdam an, im Sommer 2010 bewarb sie sich bei "Ärzte ohne Grenzen" - und wurde genommen. Dass Susanne Georgi als Internistin, Tropenmedizinerin und Abiturientin mit Leistungskurs Französisch höchstwahrscheinlich in Afrika oder Asien landen würde, war ihr klar. Kurz nach der Zusage dann das Projekt: Hilfe bei einer Hungerkatastrophe im Tschad.

Tag und Nacht im Einsatz für die Kinder

Der Staat in Zentralafrika - im Norden grenzt er an Libyen - gilt wegen seiner politischen Instabilität und langer Dürreperioden als eines der ärmsten Länder der Welt. Die Kindersterblichkeit liegt bei 20 Prozent, auf etwa 50 000 Menschen kommt ein Arzt. "Ich habe zwei Wochen gebraucht, um mich für diesen Einsatz zu entscheiden", sagt sie. Im Rückblick seien aber weder die Gefahr durch immer wieder aufflammende Konflikte so erschütternd gewesen, wie sie es sich von hier aus vorgestellt hat, sagt sie. Die Sicherheitsvorkehrungen der Ärzte ohne Grenzen waren hoch: Im Dunkeln durfte sie nie rausgehen, bei Erledigungen tagsüber mussten die Projektmitarbeiter genau angeben, wohin sie gehen. Reisen durch das Land waren untersagt, stattdessen ein guter Kontakt zur einheimischen Bevölkerung angeraten - falls feindliche Truppen in der Nähe waren, konnte man es so aus erster Quelle erfahren. In ihrem Team war Susanne Georgi die einzige Ärztin. Eine Krankenschwester aus dem Kongo, ein Projektkoordinator aus Belgien und eine Logistikerin aus den USA standen ihr zur Seite. Von einem Krankenhaus in Aboudeia aus wurden zehn ambulante Außenstationen gegründet, in denen einmal die Woche Kinder bis fünf Jahre untersucht wurden und bei Bedarf therapeutische Nahrung erhielten. Akut gefährdete Fälle kamen in die Klinik. Arbeit am Wochenende war ebenso selbstverständlich wie in der Nacht. "Wenn ich nicht da war, gab es schließlich niemand sonst, der meine Arbeit machen konnte", sagt sie schulterzuckend.

Noch von Afrika aus hat Susanne Georgi eine neue Stelle in Deutschland bekommen. Anfang Mai beginnt sie in einem Krankenhaus in Berlin. Wenig Zeit, sich von den Strapazen der vergangenen Monate zu erholen. "Ich schlafe viel", sagt die Schwerinerin lächelnd. Die Sehnsucht nach der weiten Welt, nach Hilfe dort, wo sie am meisten gebraucht werde, bleibt. "Ich möchte unbedingt wieder in ein Projekt von Ärzten ohne Grenzen."

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