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Lokales

18. Oktober 2017 | 17:09 Uhr

Grenzenloses Lästern und Mobben

vom

svz.de von
erstellt am 15.Apr.2011 | 07:31 Uhr

Rostock | Lästern auf dem Schulhof hinter vorgehaltener Hand war gestern. Inzwischen gibt es das Netz der unbegrenzten Möglichkeiten. Nie war es einfacher und wirkungsvoller, Gemeinheit und Niedertracht zu verbreiten als heute - über das Internet: "Katerina Hiltheim* ( * - Namen von der Redaktion geändert) liegt besoffen in der bluehall", freut sich ein Schüler im Chatroom, den die Internetplattform iSharegossip für das Bad Doberaner Friderico-Francisceum-Gymnasium angelegt hat. "...und lässt sich beim Kotzen filmen." Der Nächste berichtet: "...video gibts auf Anfrage bei lauschi." 14 Nutzer klicken auf dem Button "gefällt mir".

"Susi Baum* ist ne hinterhältige Schlampe, schade dass sich Kevin* wieder auf sie eingelassen hat." Wieder geht es um eine Schülerin des Doberaner Gymnasiums. 26 Nutzer kommentieren den Beitrag, 17mal "gefällt mir", 33mal "gefällt mir nicht".

Viele Einträge sind sexistisch. Häufig werden die Opfer mit vollem Namen genannt. Die Rechtschreibung ist grauenhaft, der Inhalt unsäglich.

Die Schule

Roland Levetzow ist Direktor des Friderico-Francisceum-Gymnasiums. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagt er: "Es ist enttäuschend und bedrückend, dass Kinder solch offensichtlich unmoralische Angebote im Netz annehmen." Die Schule biete den Opfern Hilfe an. "Es bleibt aber das Gefühl der Wehrlosigkeit, weil die Schuldigen sich feige in der Anonymität des Internets verstecken", so der Direktor. Die Schulleitung habe den Schülern unter anderem empfohlen, mit Strafanzeigen gegen die Schmierereien vorzugehen. "Wir sind aber gegen Hysterie und Aktionismus," sagt Levetzow. Die Lehrer würden auf die "kontinuierliche Medienausbildung" setzen, "die seit Jahren ein Anliegen unserer Schule ist."

Das Gymnasium in Bad Doberan ist nur ein Beispiel von vielen. Inzwischen gibt es kaum eine Schule, die nicht betroffen ist.

Die Seite

Führender Anbieter beim Lästern und Mobben ist die Plattform iSharegossip. Die Seite ist mit Anzeigen bestückt, jeder Klick bringt Geld. Jeden Tag haben die Seiten etwa 20 000 Besucher.

ISharegossip ist in Deutschland nach Bundesländern unterteilt, über Unterordner gelangen die Nutzer zu den Chatrooms ihrer Schulen.

Das Portal sorgte erst vor vier Wochen für Schlagzeilen, nachdem ein Jugendlicher in Berlin von 20 anderen Schülern krankenhausreif geschlagen wurde. Bei dem Streit ging es um Einträge auf dem Lästerportal, in denen die Schüler die Freundin des Prügel-Opfers beleidigt hatten.

Noch im März wurde die Seite auf Antrag von Familienministerin Kristina Schröder (CDU) als jugendgefährdend auf den Index gesetzt. Damit wird sie zwar nicht mehr von deutschen Suchmaschinen angezeigt und in über 20 Jugendschutzfiltern aufgenommen. Doch verboten werden kann die Plattform nicht.

Der Server steht in "Schweden, beim gleichen Anbieter wie Wikileaks", sagte einer der Betreiber kürzlich in einen Interview. Es war das Einzige, das ein Unternehmensvertreter je in Deutschland gab. Die Firma selbst ist in Riga gemeldet. Möglicherweise handelt es sich dabei um eine Briefkastenfirma.

Die Strafverfolgung

Das Portal wirbt mit Anonymität. Die IP-Adresse, die jeder Nutzer zur Identifikation im Internet von seinem Provider mitbekommt, werde geheimgehalten, verspricht die Seite iSharegossip. Doch sicher können sich die Täter nicht sein. Die Gefahr der Entdeckung besteht, trotz aller Versprechungen. Denn ob die Betreiber vertrauenswürdig sind, die auf Demütigung im Internet setzen, ist fraglich. Hinzu kommt, dass der Täter bei jedem Eintrag in den Chat-Foren selbst Informationen über sich hinterlässt - beispielsweise, dass er das Opfer kennt.

Auch im Landeskriminalamt von Mecklenburg-Vorpommern hoffen die Internetfahnder, dass sich Täter bei ihren Lästereien verplappern. "12 Anzeigen wegen Beleidigung und übler Nachrede wurden im ersten Quartal dieses Jahres im Zusammenhang mit Internet-Mobbing gestellt", sagt der Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA), Michael Schuldt, gegenüber unserer Redaktion. Ausnahmslos alle Strafanträge würden aus den Regionen Bad Doberan/Kühlungsborn und Rostock kommen. Und alle Anzeigen beziehen sich auf Einträge auf iSharegossip.

Die Opfer

Die psychosozialen Folgen von Cyber-Mobbing waren Thema einer Fachtagung des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg. Opfer würden 2-3mal häufiger Symptome von Depression zeigen als Nicht-Betroffene, hieß es dort. 23 Prozent der befragten Opfer hätten berichtet, dass Vorfälle dieser Art sie extrem aufregen.

Nach einer Untersuchung der Techniker Krankenkasse (TK) würden 14 Prozent der Mobbing-Opfer unter Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen oder Schlafstörungen leiden. In der Gruppe der nicht von Mobbing betroffenen Kinder litten nur vier Prozent unter diesen Symptomen.

Auch Todesfälle gab es bereits. Der 13-Jährige Jöel aus Kärnten in Österrich nahm sich vergangenen Mai das Leben, weil er bei der Plattform Facebook gemobbt und als schwul dargestellt wurde.

Bei den Behörden gibt es allerdings immer noch Unsicherheiten beim Umgang mit dem Phänomen. In Mecklenburg-Vorpommern hat das Justizministerium jetzt an alle Polizeidienststellen des Landes Hinweisblätter ausgegeben. "Wir wollen zur Sensibilisierung und zu einem besseren Verständnis der strafrechtlichen Einordnung des Cyber-Mobbings beitragen", sagt Justizministerin Uta-Maria Kuder (CDU).

Am Friderico-Francisceum-Gymnasiums in Bad Doberan haben sich Schüler selbst zur Wehr gesetzt und Kommentarspalten auf iSharegossip mit belanglosen Texten aus dem Internet vollgemüllt.

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