Greifswald blockiert NPD-Aufmarsch

Greifswald hat dem Aufmarsch der Rechtsextremisten gestern eindrucksvoll Paroli geboten. dapd
Greifswald hat dem Aufmarsch der Rechtsextremisten gestern eindrucksvoll Paroli geboten. dapd

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01. Mai 2011, 07:04 Uhr

Greifswald | Ein eisiger Wind weht über dem Vorplatz des Greifswalder Südbahnhofs. Knapp 350 Rechtsextreme sind zu ihrem traditionellen Marsch am 1. Mai angetreten. Doch seit zwei Stunden bewegt sich nichts. Aus dem Lautsprecherwagen mit dem großen Bild des NPD-Fraktionsführers im Schweriner Landtag, Udo Pastörs, dudeln Liedtexte wie, "Ich bin in der BRD geboren, und ich hasse das System". Über dem Platz kreist ein Hubschrauber. Das Polizeiaufgebot ringsum übertrifft die Anzahl der Aufmarschierten um mehr als das Doppelte. Insgesamt waren 1000 Beamte im Einsatz.

Der Grund für die Verzögerung sitzt in Sichtweite. In nur 200 Metern Entfernung haben etwa 150 Gegner des Aufzugs eine Sitzblockade gebildet. Insgesamt sieben Blockaden mit etwa 700 Gegendemonstranten meldet inzwischen die Polizei. Da verliert NPD-Landesvorsitzender Stefan Köster plötzlich die Geduld. Er greift zum Mikrofon und brüllt: "Wir haben der Polizei ein Ultimatum gesetzt. Wenn die Sitzblockade nicht aufgelöst wird, "beenden wir die Demonstration und besuchen das Fest für Demokratie". Die Drohung wird von den meist schwarz gekleideten Kameraden kampflustig begrüßt. Das Kräfteverhältnis auf dem Platz spricht allerdings unüberschaubar gegen die Neonazis. Zudem hatten an einer friedlichen Gegendemonstration wenige Stunden zuvor vom Stadtzentrum bis ins Greifswalder Ostseeviertel 3000 Gegner teilgenommen.

Schließlich einigen sich die Organisatoren des NPD-Aufmarsches und die Polizei um 12.30 Uhr auf eine Ausweichstrecke, die durch Greifswald-Süd in die Plattenbausiedlung Schönwalde I führt. Pastörs und Frau Marianne marschieren vorne mit. Aus dem Lautsprecherwagen wettert Köster gegen die "Fremdarbeiterinvasion".

Immer wieder dringen Gegendemonstranten bis zur Polizeieskorte am Rand des Demonstrationszuges vor. Es kommt zu Beschimpfungen, aber es bleibt friedlich. Ein Böller fliegt in den Marschblock, verletzt wird niemand. Überall sind Plakate zu sehen, die für ein "nazifreies Greifswald" werben. Pastörs und die Demonstranten, von denen viele aus sogenannten Kameradschaften stammen, marschieren tapfer weiter. Ganz am Ende des Zuges läuft ein Dutzend Kinder im Alter zwischen zehn und 14 Jahren mit.

Einige Anwohner zeigen sich neugierig auf den Balkons, Beifall gibt es nicht. Die Demonstration biegt in Richtung Schönwalde II ab und muss wieder stoppen. Eine Sitzblockade von etwa 300 Gegendemonstranten stoppt den Weg. Unter den Blockierern sitzt auch der DGB-Vorsitzende Ingo Schlüter im Anzug und mit Schlips. "Manchmal reicht es nicht, auf die Straße zu gehen, dann muss man sich auf die Straße setzen", sagt der Gewerkschafter. Sein Protest ist im rechtlichen Sinne eine Straftat. Schlüter: "Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen." Die Sperre kann nicht geräumt werden, der NPD-Aufmarsch ist blockiert und muss zurück. Schließlich landen die Marschierer gegen 16.30 Uhr wieder am Südbahnhof. Am Abend bilanziert die Polizei: Zehn Gegendemonstranten wurden vorübergehend in Gewahrsam genommen, 170 Platzverweise ausgesprochen.

Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) spricht am Ende von einem Erfolg und wertete das Auftreten der Greifswalder als "eindrucksvolles Zeichen für Weltoffenheit und Toleranz".

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