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Schiffsunfälle Recherche auch am Simulator

Von Reiner Frank | 05.12.2018, 10:36 Uhr

Es gibt Seeunfälle, um die sich viele Spekulationen ranken. Kapitän Hans-Hermann Diestel widmet ihnen ein Buch.

Es geschah am 27. Oktober 1964 in der Themsemündung. Der DSR-Frachter „Magdeburg“ war auf dem Weg nach Kuba, sollte mit seiner in London geladenen Hilfsfracht von 42 Leyland-Omnibussen dort aber nie ankommen. Bei Broadness kollidierte das heimische Typ-IV-Schiff mit dem japanischen Stückgutfrachter „Yamashiro Maru“ und erlitt schwere Beschädigungen.

Die Besatzung wurde gerettet und es gelang auch, das lädierte Schiff ans flache Ufer zu schleppen, wo es dann allerdings kenterte. Der Seeunfall wurde seinerzeit aufwendig untersucht und die Seekammer kam zu dem Schluss, dass der japanische Frachter die Kollision verschuldet hatte. Er fuhr auf der falschen Fahrwasserseite, führte widersprüchliche Manöver aus. Der heimischen Schiffsführung unter Kapitän Arthur Maul, später Generaldirektor des Kombinates Seeverkehr und Hafenwirtschaft, war nichts vorzuwerfen.

Um diesen Unfall rankten sich seit jeher viele Spekulationen, insbesondere, als zehn Jahre später Pläne des US-Geheimdienstes CIA bekannt wurden, nach denen auch in diesem speziellen Fall das Embargo gegen Kuba durchgesetzt wurde.

Kapitän Hans-Hermann Diestel (76), der sich seit vielen Jahren mit Seeunfällen beschäftigt, mutmaßte aber auch im Spruch der Seekammer einige Widersprüche und motivierte Experten der Warnemünder Seefahrtsschule um Prof. Thomas Böcker und Sven Herberg im vorigen Jahr, die Kollision am Schiffsführungssimulator zu analysieren. Dabei wurde unter anderem deutlich, dass der japanische Schnellfrachter unter Regie eines Lotsen ungewöhnlich langsame Fahrt machte, als warte er auf den Kollisionsgegner, um ihn dann möglicherweise gezielt zu rammen.

Im Warnemünder Bereich Seefahrt der Hochschule Wismar wurde an diese Untersuchungen noch einmal angeknüpft, als unlängst Diestel hier sein neues im Hinstorff Verlag erschienenes Buch „Schiffsunfälle der Deutschen Seereederei Rostock“ vorstellte. Grundlage seiner hierfür durchgeführten Recherchen zu mehr als hundert Seeunfällen sind vor allem die Untersuchungsergebnisse der DSR, des Seefahrtsamtes sowie die Sprüche der Seekammer. Das ergänzt er durch Berichte von Zeitzeugen, von ähnlich gelagerten internationalen Fällen und eigenen Erkenntnissen. Schon zum Studienbeginn in der Seefahrtsschule beschäftigte er sich mit Seeunfällen in der Kaiserzeit, sammelte Sprüche und Protokolle der Untersuchungsbehörden und baute sich ein umfangreiches maritimes Archiv auf. Seit vielen Jahren widmet er sich Fragen der Schiffssicherheit und Seemannschaft und schreibt auch darüber. Inzwischen tragen zehn Bücher seine Handschrift, sieben sind allein bei Hinstorff erschienen.

Dabei bringt er seine Erfahrungen aus 55 Jahren aktiver Seefahrt sowie speziell auch der Seeunfalluntersuchung ein. Über vier Jahrzehnte fuhr er selbst für die DSR zur See, war hier von 1985 bis 1989 als Oberinspektor für Seeunfalluntersuchung tätig. Danach prägte er bei der Reederei Alpha Ship Bremen das Qualitätsmanagement der Schiffsführungen dieser Schiffe, war zuletzt noch als Ausbilder auf Rickmers-Schiffen unterwegs.

Im neuen Buch gliedert er die Unfälle nach den Schwerpunkten Grundberührungen/ Strandungen, Kollisionen und Schiffsbrände sowie Fahren bei schwerem Wetter. Breiten Raum nehmen die Totalverluste ein, von denen auch die DSR nicht verschont blieb.

So wird auch der Untergang der „Böhlen“ im Oktober 1976 analysiert, bei dem 24 Seeleute und zwei mitreisende Ehefrauen den Tod fanden. Die Rede ist von vielen weiteren schweren Unfällen, unter anderem von dem der „Fiete Schulze“ im September 1967 vor der bretonischen Küste und der „Capella“ am 3. Januar 1976 in der Nordsee, um nur einige der tragischen Verluste zu nennen. Manchmal ist es menschliches Versagen, manchmal sind es technische Gründe, aber auch schlechtes Wetter und mangelnde Seemannschaft, die zu den Unglücken führen.

Ein Seitenhinweis auf die einzelnen konkreten Unfälle im Anhang, das sei hier angemerkt, wäre bei der Suche der jeweiligen Abhandlungen dazu hilfreich gewesen.

Diestel beleuchtet die Entwicklung der Seemannschaft und zieht das Fazit, dass die DSR hier insgesamt auf gutem Wege war, im internationalen Vergleich gut dastand.

Wichtig für ihn ist aber auch, „was wir nicht geschafft haben“, wie er betont. Er geht dabei schwer ins Gericht mit einzelnen Fällen von unzureichender Reisevorbereitung, Disziplinlosigkeit, Laxheit und Schlamperei sowie Alkoholmissbrauch. Er kritisiert die Handlungsweisen mancher Lotsen als Berater der Kapitäne, aber auch, dass sich manche Schiffsführung nur auf sie verlassen hatte.

Er verschweigt auch eigenes Fehlverhalten nicht. So wird mancher seiner Kollegen vielleicht seinerzeit ein wenig schadenfroh in sich gegangen sein, als unter Führung von Kapitän Diestel die „Nordhausen“ am 21. Februar 1989 auf der Wendeplatte bei Nebel im heimischen Revier beim Einsteuern in den Seekanal eine leichte Grundberührung hat. Selbstkritisch stellt der Nautiker fest, dass seine Brückenorganisation für die Umstände unzureichend war.

Hans-H. Diestel „Schiffsunfälle der Deutschen Seereederei Rostock“; Format: 24,5 X 21,5 cm; 152 Seiten, Preis: 25 Euro; ISBN: 9783356021707.