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Lokales

16. Dezember 2017 | 08:29 Uhr

Goldleistenfabrik ist Geschichte

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erstellt am 17.Aug.2010 | 06:52 Uhr

Grabow | Die Geschichte der Grabower Goldleistenfabrik ist lang, das Ende schnell erzählt: Die Bagger sind da und reißen das ab, was Jahrzehnte lang ein florierender Betrieb war, von dem zuletzt jedoch nur eine Industrieruine übrig geblieben ist.

Dort, wo einst feinste Bilderrahmen hergestellt wurden, um in viele Teile der Welt exportiert zu werden, ist Filigranarbeit schon lange nicht mehr gefragt. Jetzt ist eine stählerne Schaufel am Werk, die sich Meter um Meter durch die Etagen eines wuchtigen Klinkerbaus frisst. Kein Stein bleibt auf dem anderen, in der Luft liegt Staub, der sich nur zögerlich über das Gelände am Steindamm/Ecke Grüner Steig legen will. Nebenan wird schon wieder gebaut, es entsteht neuer Wohnraum. Ganz in der Nähe, in der Kirchenstraße, fängt die Geschichte der Goldleistenfabrik an.

1866: Glasermeister Theodor Heinsius aus Waren mietet dort Räume, schafft eine Grundiermaschine an und legt den Grundstein für ein Geschäftsfeld, das so schnell wächst, dass wenige Jahre später am Steindamm ein Neubau errichtet wird. Dieser wird zwar durch ein Feuer 1879 vernichtet, doch der Brand kann nicht verhindern, dass an diesem Standort nach und nach ein weitläufiges Fabrikationsareal entsteht.

Holz wird über die Elde antransportiert

Die Baumstämme kommen über die Elde, die fertigen Bilderrahmen und Leisten nach dem Sägen, Kehlen, Grundieren und Vergolden aus der Fabrik. Dafür sorgen zu dieser Zeit über 100 feste Mitarbeiter, die auch die Glanzzeit, die 20-er Jahre des 20. Jahrhunderts miterleben, denn die Grabower Goldleistenfabrik ist zu einem der größten Leistenhersteller Deutschlands herangewachsen.

"Kriegswichtige Güter" statt Bilderrahmen - die beiden Kriege zehren an Unternehmen wie Belegschaft. Nach dem Einmarsch der Roten Armee und Verhaftung und Tod des Fabrik-Leiters Walter Heinsius im Lager Fünfeichen, übernehmen seine Frau Dr. Dorothea Heinsius und Prokurist Robert Markwardt die Betriebs-Führung. 1953 wird die Firma enteignet und das Unternehmen in der DDR als "VEB Plast- und Holzverarbeitung" bis 1990 weitergeführt. Nach der Wende wird ein Kooperationspartner aus Westdeutschland ins Boot geholt, doch die schwierige Marktsituation vereitelt einen Wiederaufstieg. 1995 folgt das Ende, der Betrieb wird eingestellt. Doch zwei Menschen arbeiteten noch ein paar Jahre länger dort.

Berliner Straße 40a: Eine quirlige Frau steht in einem kleinen, hellen Raum und verklebt ein Paket mit Zuschnitt-Leisten, die in den kommenden Tagen in einer Regensburger Galerie ausgepackt werden. "Ach, die alte Goldleistenfabrik", sagt Monika Lampert, "mit ihr bin ich fast mein ganzes Leben lang verbunden." 1960 hat sie dort mit der dreijährigen Ausbildung zur Vergolderin begonnen, um dann bis zur Schließung dort zu arbeiten. Statt Arbeitslosigkeit hat sie den Weg in die Selbstständigkeit gewählt und mit einem Mitarbeiter und der Zustimmung des Eigentümers eine kleine Werkstatt in dem alten Gemäuer eingerichtet. "Der frühere Umkleideraum war auf einmal meine Produktionsstätte, die ehemalige Küche mein Lager", erinnert sich Monika Lampert, die bis kurz vor der Jahrtausendwende in einem Teil der alten Fabrik neue Rahmen für einen kleinen Kundenstamm fertigte. 1999 gründeten sie und der mittlerweile verstorbene Prof. Dr. Theodor Heinsius mit der Firma "Th. Heinsius + M. Lampert Goldleistenmanufaktur GmbH" ein neues Unternehmen. In der Berliner Straße ist der Betrieb seitdem zu Hause. Die Geschäftsführung liegt in den Händen von Monika Lampert und dem vor einem Jahr eingestiegenen Stephan Heinsius, Sohn von Theodor Heinsius. Um die Produktion kümmert sich Lampert zusammen mit einer Kollegin.

"Ich denke noch nicht ans Aufhören. Hier habe ich Kontakt zu Leuten und die Arbeit macht Spaß", sagt die Frau, die die 60 um ein paar Jahre überschritten hat. Spricht sie von der alten Goldleistenfabrik, dann spricht sie von einem schleichenden Verfall. Als die Arbeiter für immer weg waren, tobten sich in den verlassenen Räumen die Halbstarken aus, zerstörten alles, was nicht niet- und nagelfest war. "Das Gelände ist zu einem Schandfleck geworden", sagt die ehemalige Mitarbeiterin. Wenn sie sieht, wie sich jetzt der Bagger durch Kehlerei, Spritzerei, Grundiererei und Vergolderei wühlt, dann sei sie schon ein wenig wehmütig.

Das Faxgerät rattert und drückt ein Blatt Papier in den Auswurf. Ein Kunde aus dem hessischen Rodgau bestellt drei Bilderrahmen. Übermorgen sind sie fertig, rechnet die Vergolderin durch. Art, Größe und Beschaffenheit der Rahmen sind vom Auftraggeber genau angegeben. "Wir fertigen hier alles individuell an. Auf Vorrat wird nicht mehr produziert. Das lohnt sich nicht", sagt Monika Lampert, die auch nach dem Ende der Goldleistenfabrik dafür sorgt, dass in Grabow immer noch Bilderrahmen hergestellt werden.

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