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Lübz Mehr private Insolvenzen befürchtet

Von Alexander Fischbach | 07.08.2020, 07:00 Uhr

Coronakrise treibt Klientenzahl bei Schuldnerberatung in die Höhe

Im Schnitt führen Dr. Heiko Hahnel und Anne Zimmermann etwa 450 Schuldnerberatungen jährlich durch. Beide Juristen arbeiten seit Jahren beim Arbeitslosenverband Ortsverein Lübz und helfen finanziell in Not geratenen Menschen aus ihrer prekären Situation. Aus Lübz, Goldberg oder Plau stammen ihre Klienten. „Die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise werden langsam auch hier spürbar“, erklärt Hahnel. „Bisher konnten die Coronahilfen und die zeitweilige Stundung von Mietschulden das Problem hinauszögern, aber ab Herbst ist auch mit einer Welle von Privatinsolvenzen zu rechnen.“

Mehr junge Leute machen Schulden

Die Gründe für eine Überschuldung sieht er vor allem in drei Bereichen: Das Eine ist die drohende oder bereits bestehende Erwerbslosigkeit. Andere Faktoren sind prekäre private Umstände, die durch Scheidung, Trennung oder den Wegfall von erwerbstätigen Familienmitgliedern entstehen. Als Drittes sieht er, gerade bei jungen Leuten, ein falsches Konsumverhalten. „Wir hatten schon Fälle, da ging es um Mobilfunkverträge, bei denen 3500 Euro an Kosten aufgelaufen waren. Jetzt stelle man sich das bei jungen Leuten in der Lehre oder Erwerbslosen nach der Schule vor“, gibt er zu bedenken.

Diese Erfahrung teilt auch Anne Zimmermann. Sie sieht einen Trend. „Ein Teil unserer Klienten wird jünger. Bei diesen steigt der Anteil von Jugendlichen ohne Schulabschluss. Aber auch Selbstständige und Saisonkräfte können, gerade jetzt durch Corona, schnell in die Schuldenfalle geraten. Die Einmalzahlungen sind aufgebraucht und gerade im Gastronomie- und Tourismussektor fehlen Einnahmen“, fährt sie fort. Diese seien wichtig für Minijobber und Saisonkräfte, um über den Winter zu kommen. Sie geht davon aus, dass sich in diesen Branchen die Schuldenfalle bemerkbar macht.

Insolvenz als letzte Möglichkeit

In der Regel versucht die Schuldnerberatung, eine gütliche Einigung zwischen den Schuldnern und Gläubigern herbeizuführen. „Solche Vereinbarungen können eine Stundung oder ein Vergleich sein, bei dem man sich auf einen Teilbetrag einigt“, so Zimmermann, „in der Hälfte der Fälle muss man aber zum letzten Mittel greifen: die Privatinsolvenz.“ Damit soll letzten Endes dem Schuldner ein finanzieller Neustart ermöglicht werden. Das geschieht in vier Schritten: Zunächst wird versucht, sich außergerichtlich zu einigen. Gelingt dies nicht, kann ein gerichtliches Schuldbereinigungsverfahren beantragt werden.

Kann auch hier nichts erreicht werden, beginnt das eigentliche, vereinfachte Insolvenzverfahren. Jetzt versucht ein Treuhänder, die Schulden zu begleichen, und wenn die überschuldete Person sich finanziell vernünftig verhält, also keine neuen Schulden macht, kann auch nach Ablauf einer gewissen Zeit eine Restschuldbefreiung beantragt werden. Das ganze Verfahren kann so aber nicht von einzelnen Personen durchgeführt werden, sondern sie müssen sich an Anwälte oder eben an eine anerkannte Schuldnerberatung wenden. „Durch Neuerungen im Insolvenzrecht ist seit einigen Jahren eine Restschuldbefreiung früher möglich“, erklärt Hahnel. Dadurch, und durch Konten, die nicht gepfändet werden können, sei die Arbeit etwas einfacher geworden. „Wichtig ist auch die psychologische Komponente“, darin sind sich Anne Zimmermann und Heiko Hahnel einig.„Viele Klienten sind sehr froh, dass wir ihnen erstmals eine Übersicht über ihre finanzielle Situation ermöglichen und ihnen Lösungswege anbieten können. Auch die Inhalte von Behördenschreiben müssen oft erläutert werden", sagt die Juristin. Durch die zeitweilige Zwangsschließung gab es nur telefonischen Kontakt, das sei weder für die Berater noch für die Klienten leicht gewesen, sagt sie.