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Plau am See Der Zug, der kurz vorm Ziel umkehrt

Von Armin Kung | 09.07.2020, 15:29 Uhr

Der RB74 fährt von Brandenburg in Richtung Sieben Kilometer vor der Stadt dreht er in Ganzlin wieder um.

Fährt ein Zug nach Mecklenburg und kommt nicht an. Klingt wie ein Witz, passiert aber tatsächlich. Der RB74 fährt von Meyenburg über die mecklenburgische Landesgrenze nach Ganzlin und von dort wieder zurück nach Brandenburg. Sieben Kilometer vor der Touristenregion Plau am See ist Schluss.

Die ungewöhnliche Fahrt des RB74 passiert jeden Sonnabend und Sonntag auf einem Teil der alten Güstrow – Meyenburg Strecke, deren planmäßiger Personenverkehr im Jahr 2000 eingestellt wurde. Eine Bahnstrecke, die tausenden autoloser Berliner eine unkomplizierte Verbindung aus der Großstadt ins schöne Plau am See bieten könnte. Und der Stadt eine Menge zahlungskräftiger Wochenendtouristen.

Ein Berliner Rucksack-Tourist, der an einem Sonnabend nach Plau am See reisen möchte, muss ab Ganzlin zusätzlich einen Rufbus bestellen, um die Lücke von sieben Kilometern zu überwinden.

Was viele Touristen nicht wissen: Der Rufbus sieht nicht aus wie ein Bus, sondern wie ein Taxi.

In der SVZ-Redaktion häufen sich die ersten Beschwerden. Berliner Reisende standen an der Haltestelle in Ganzlin, erwarteten einen Bus und ignorierten daher das Taxi. Es folgte eine frustrierende Odyssee, um ans Ziel zu gelangen. Abschreckend für Besucher.

Wie konnte so eine Verbindung entstehen?

Die paradoxe Antwort: aus großem Engagement für den ländlichen Bahnverkehr in Mecklenburg.

Seit Ostern 2020 findet im Sommerhalbjahr wieder vom Land bestellter Zugverkehr zwischen Plau am See und Karow bis auf die Südbahn-Strecke nach Parchim statt. Südlich von Plau in Richtung Brandenburg dagegen, bestellt MV keine Verbindung. Das Potential Berliner Touristen für das ländliche Mecklenburg bleibt ungenutzt.

Der RB74 dagegen fährt auf eigene Rechnung nach Ganzlin, bezahlt von der Hanseatischen Eisenbahn (Hans).

Hans ist ein Unternehmen, das trotz des jahrelangen Rückzugs der Politik aus dem ländlichen Bahnverkehr versucht, Mobilität auf dem Land anzubieten. Hans betreibt Linien in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und dem südlichen Mecklenburg-Vorpommern.

Ein ungewöhnlicher Grund

Bei Hans liegt ein Teil der paradoxen Antwort auf die ungewöhnliche Zugverbindung nach Ganzlin.

Hans fährt nach dem Brandenburger Fahrplan des VBB bis Meyenburg. Dort hätte der RB74 eine geplante Standzeit von ungefähr 25 Minuten. Statt in Brandenburg zustehen, überlegte sich Hans den Mecklenburgern ein Paar Touristen zu verschaffen. Auf eigene Rechnung, ohne öffentliche Subventionen des Landes. Innerhalb der 25 Minuten Wartezeit fährt der RB74 bis Ganzlin und wieder zurück. Seit dem 6. Juni am Wochenende und Feiertagen bis zum 30. August.

Die Hanseatische Bahn hatte ursprünglich Größeres vor. Karsten Attula, Leiter des Personennahverkehrs bei Hans, erklärt das so:

„Ursprünglich wollten wir tatsächlich bis Plau am See fahren. Doch dann kam Corona und der Tourismus stand still. Noch jetzt drohen Tagestouristen hohe Bußgelder, wenn sie ohne Buchung nach Mecklenburg reisen. Doch mit den Fahrten nach Ganzlin konnten wir messen, dass diese Strecke eine gute Nachfrage hat. Daher ist es unser Ziel in naher Zukunft bis Plau am See zu fahren. “
Karsten Attula

Es gibt noch ein zweites Problem mit der Verbindung nach Plau am See, das den Geschäftsführer von Regio Infra, Tino Hahn, beschäftigt.

Regio Infra unterhält die Gleise, Anlagen und Technik der Strecke. Seit Jahren kämpft er mit vielen Bürgern der Region für den Erhalt der Südbahn. Hahn sagt: „In Ganzlin gibt es einen Bahnübergang. Würde der RB74 bis Plau am See fahren, müssten wir Mitarbeiter nach Ganzlin bringen, die die Schranken bedienen. Diese Kapazität haben wir ohne politische Unterstützung leider nicht.“

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