Glocken sind wieder im Turm

Leitet die Installation: Udo Griewahn. Die vier restaurierte Glocken sind zurück zur Rostocker St. Marienkirche gebracht worden.Georg Scharnweber
Leitet die Installation: Udo Griewahn. Die vier restaurierte Glocken sind zurück zur Rostocker St. Marienkirche gebracht worden.Georg Scharnweber

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18. November 2010, 07:54 Uhr

Stadtmitte | Unter dem Beifall von vielen Rostockern und Touristen sind gestern die vier Glocken der Marienkirche heimgekehrt. Ein Laster hat die ungewöhnliche Fracht durch den engen Ziegenmarkt jongliert. Beim Lüften der Plane gab es Beifall. Imposant standen die vier Glocken auf der Ladefläche des Brummis. "Damit ist ein Musikinstrument für die Stadt wieder da, mit der bereits im Mittelalter zum Gebet gerufen worden ist", sagt Pastor Tilman Jeremias. Auch Kantor Karl-Bernhardin Kropf ist die Freude anzumerken. Die Arbeiten zur Wiederherstellung dieses klanglichen und kunsthandwerklichen Schatzes der Hansestadt und von St. Marien waren nur durch öffentliche und kirchliche Fördermittel sowie die Unterstützung und das rührige Werben des Fördervereins von St. Marien möglich. Die tonnenschwere Fracht enthielt die Große Glocke von Rickert de Monkehagen von 1409, die Bürgerglocke von 1300, die Wächterglocke von 1554 und "Das Bleichermädchen", dessen Name auf die Sage zurück geht, bei der es um eine unglückliche Liebe, einen Mord und ein Zeichen der Gerechtigkeit geht, wonach alle Glocken von St. Marien von selbst läuteten und den Mörder zum Geständnis brachten. Das "Bleichermädchen" soll zu Weihnachten wieder läuten.

Nächstes Etappenziel ist das Gießen in Karlsruhe

Das gestrige Entladen dauerte Stunden, die Große Glocke ließ sich nicht einfach vom Kranhaken nehmen, da musste der Laster noch eine andere Position einnehmen. Daher verstrichen Stunden bis das Klangquartett im Turm war. Bevor alle Glocken wieder an ihrem endgültigen Platz hängen und dann auch wieder läuten können, sind noch umfangreiche Ertüchtigungsarbeiten an der vorhandenen Bausubstanz erforderlich. Die Klangkörper wiegen zwischen 649 und 4226 Kilo.

Eine wichtige Person aus den Anfängen ließ sich gestern das Ereignis nicht entgehen: Die ehemalige Finanzministerin Sigrid Keler (SPD) weilte ebenfalls unter den Zuschauern. Sie hatte damals beim Abhängen der Glocken ihre Höhenangst überwunden und ist mit dem Fahrstuhl hochgefahren. Dabei hatte ihr Pastor Tilman Jeremias von der Hoffnung auf Unterstützung vom Land erzählt, denn das war ein großer finanzieller Packen. Keler hatte zugesagt und Wort gehalten.

Während die vier Glocken gestern über einen Zeitraum von mehreren Stunden in den Turm gehievt wurden, fällt für ein nächstes Etappenziel der Startschuss am 17. Dezember in der Karlsruher Glockengießerei Bachert. "Das geschieht immer an einem Freitag um 15 Uhr. Die Zeit bezieht sich auf die Sterbestunde Christi", erklärt Kantor Kropf. Das sei eine künstlerisch sehr anspruchsvolle Arbeit. "Da ist nie Routine im Spiel", weiß Kropf, der schon an solchem Gießen teilgenommen hat. Da wird gesungen, das Vaterunser gebetet und gehofft, dass die neue Glocke in der Tonlage und ohne Fehler nach dem wochenlangen Abkühlen aus der Erde herauskommt. Wenn dann der Ton stimmt, sind alle erleichtert.

Wolfgang Friedrich übernimmt das Gestalten

Mit der Betglocke für St. Marien sollen die historischen hinsichtlich des Läutens ein wenig entlastet werden. Der Rostocker Bildhauer Wolfgang Friedrich sprach gestern beim Entladen auch von seinem Part. Er wird die Glocke von außen mit einem biblischen Spruch aus dem Römerbrief verzieren. Außerdem entwirft er vier Figuren, mit denen die äußere Hülle verziert wird. Das geschieht aber in einer sehr dezenten Weise, um die Glocke nicht zu überfrachten. Eine der vier ist eine Marienfigur mit Kind.

Wenn alle Glocken wieder im Turm sind und läuten, soll zum 70. Jahrestag nach der Bombardierung auch die Petrikirche ihre Glocke aus dem Jahr 1548 zurückbekommen. Sie läutete bisher mit zwei Schwesterglocken im Marienturm und soll künftig ein neues feierliches Geläut auf dem stummen Petriturm bilden. Wie oft diese dann läuten wird, steht noch nicht fest. "Da sie sich in der Nähe des Aussichtsturmes befindet, wäre es für die Besucher dort zu laut", schränkt Pastor Jeremias ein. Mit der Frage werden sich rechtzeitig noch Experten beschäftigen. Sofern die Glocken in St. Marien wieder funktionieren, bilden sie das älteste Geläut der Hansestadt und laufen damit der Universitätskirche den Rang ab, die momentan noch damit wirbt. Zu Weihnachten soll übrigens das "Bleichermädchen" wieder ihren Dienst tun.

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