Gleicher Aufwand, weniger Nutzen

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25. April 2010, 06:27 Uhr

Ludwigslust | Verkürzung von Wehr- und Zivildienst auf jeweils sechs Monate - dies sieht ein Gesetzentwurf des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg und der Familienministerin Christina Schröder vor, der noch vor der Sommerpause verabschiedet werden soll. Die geplante Regelung soll für Zivildienstleistende ab dem 1. August und für Wehrpflichtige ab dem 1. Oktober gelten. Pflegeeinrichtungen und Sozialverbände bezeichnen einen sechsmonatigen Zivildienst als zu kurz.

Charlotte Berg hat sich längst an ihre neue Umgebung gewöhnt. An die großzügig geschnittenen Räume, in die das Tageslicht durch breite Fensterfronten dringt. An ihr Zimmer, in dem ihr Lieblingssessel steht und Bilder von ihrer Familie hängen. An das Pflegepersonal und die Mitarbeiter der Alexandrinenresidenz, die sich um sie kümmern. Und sie hat sich an Philipp gewöhnt, mit dem sie sich so gerne unterhält. Charlotte Berg ist 86. Ihre Beine sind müde und das Laufen fällt ihr schwer, ihre Augen verlieren an Sehkraft und müssen operiert werden. "Doch mein Geist", sagt sie, "ist hellwach". Wenn Philipp etwas Zeit hat, dann reden sie miteinander. Über früher, über heute und über die kommende Woche. Jetzt geht Philipp. Seine neunmonatige Zivildienstzeit in der Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt für pflegebedürftige Menschen ist beendet. Charlotte Berg sagt, sie sei traurig, und sie sagt auch, dass sie ihn vermissen werde, seine nette, zuvorkommende Art, seine Hilfsbereitschaft, sein offenes Ohr. Ulrike Haak, Leiterin der Residenz, sieht das nicht anders, denn bei angespannter Personallage wird keine eingearbeitete Kraft gerne abgegeben.

Die betagten Menschen zu den Betreuungsangeboten im Haus begleiten, Fahrdienst zu den Ärzten, Frühstück, Mittagessen und Nachmittags-Kaffee austeilen oder mit den Bewohnern spazieren gehen - für den 19-jährigen Philipp Knapp geht eine intensive Zeit zu Ende. Oft hektisch, manchmal traurig, immer sinnvoll. "Die Arbeit hier macht viel Spaß, aber ich brauchte etwas Zeit, bis ich mich eingearbeitet hatte", sagt der Ludwigsluster, der nun ein Pharmazie-Studium anstrebt. Eine Verkürzung der Zivildienstzeit um drei Monate, das hält er für problematisch. "Kürzere Abstände, da müssen sich die Menschen hier viel schneller wieder an neue Gesichter gewöhnen. Das ist nicht leicht", sagt der Ludwigsluster, der in der zurückliegenden Zeit zu vielen Heimbewohnern ein Vertrauensverhältnis aufbauen konnte.

"Zivildienstleistende sorgen für Entlastung, doch bevor das so ist, müssen sie angelernt werden. Das braucht seine Zeit und ist auch mit Arbeit verbunden", sagt Caroline Bockmeyer, Geschäftsführerin des Awo-Kreisverbandes Ludwigslust-Hagenow. Durchschnittlich vier Zivildienstleistende arbeiten jährlich in Awo-Einrichtungen des Landkreises. Jetzt steht mit dem Gesetzentwurf die Verkürzung um drei Monate bevor. "Sechs Monate, diese Zeit ist für beide Seiten zu kurz, um effektiv arbeiten zu können", sagt Caroline Bockmeyer und hebt hervor, dass der Verwaltungsaufwand der gleiche bliebe. "Wir müssen auf den Prüfstand stellen, ob dann Zivildienststellen bei uns überhaupt noch Sinn machen", so die Kreisverbands-Chefin.

Mit dieser Überlegung steht Bockmeyer nicht alleine da. Pflegeeinrichtungen und Sozialverbände befürchten, dass die Betreuung von alten und kranken Menschen leidet und fordern ein Konzept für eine freiwillige Verlängerung. So fürchtet beispielsweise der Paritätische Wohlfahrtsverband, dass zahlreiche Mitgliedsverbände aus dem Ersatzdienst aussteigen könnten, wenn nicht rasch eben ein solches Konzept für eine freiwillige Zivildienst-Verlängerung von der Bundesregierung erarbeitet wird.

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