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Lokales

22. November 2017 | 08:42 Uhr

Giftpanscher am Futtertrog

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erstellt am 05.Jan.2011 | 08:07 Uhr

Schwerin | Gift in Eiern, nun auch im Schweinefleisch: Seit der Dioxinskandal auch Mecklenburg-Vorpommern erreicht hat, wächst die Sorge bei den Verbrauchern im Land. "Die Verunsicherung nimmt zu", meint Lebensmitteltechnologin Antje Degner. Rostock, Neubrandenburg, Schwerin: Überall in den Verbraucherzentralen im Land holten sich Kunden Rat. Dutzende Anrufer zählten die Verbraucherschützer in zwei Tagen. "Alle wollen wissen, ob man die dioxinbelasteten Eier noch essen kann", erzählt Degner. Das, was die Verbraucher von der Lebensmitteltechnologin zu hören bekommen, dürfte sie aber kaum beruhigen. Es gebe zwar "keine akute Gefahr", sagt die Expertin. In den bekanntgewordenen Fällen seien die Grenzwerte aber um das Vierfache überschritten worden. "Das ist bedenklich", so Degner.

Es kommt noch schlimmer: Für Fachleute war es nur eine Frage der Zeit, wann das Gift auch in MV entdeckt wird. Seit das krebserregende Dioxin aber nun auch im Futter in sechs Schweineställen im Land im Futtertrog landete, wachsen bei den Verbraucherschützern die Sorgen. "Das ganze Ausmaß ist noch nicht abschätzbar", meint Degner. Wahrscheinlich seien in den vergangenen Wochen oder sogar Monaten stark belastete Lebensmittel in den Handel gekommen und verzehrt worden, fürchtet sie. Erst waren nur einige hundert Tonnen dioxinversucht, jetzt sollen es schon 2700 Tonnen und mehr sein: "Wer weiß, ob es dabei bleibt", fragt die Lebensmittelexpertin. Die Giftbrühe könnte bis zu 150 000 Tierfutter beigemischt worden sein, vermutet denn auch die Bundesregierung. Degner schließt nicht aus, dass neben den sechs Schweinehaltern auch Geflügelzüchter in MV betroffen sein könnten.

Die Hinweise mehren sich: Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) vermutet hinter dem Skandal System: Das dioxinbelastete Fett sei nicht versehentlich ins Futter gelangt, meinte sie gestern. Eine entsprechende Erklärung der betroffenen Firma aus Schleswig-Holstein halte sie für nicht glaubwürdig. Das müsse der Staatsanwalt klären: "Das ist kein Kavaliersdelikt", sagte sie. Die Agrarminister der Länder forderten gestern ein schärferes Vorgehen gegen die Futterpanscher. Der Chef der Agrarministerkonferenz, Thüringens Ressortchef Jürgen Reinholz (CDU), verlangte höhere Gefängnisstrafen für die schwarzen Schafe.

Wieder einmal sorgt ausgerechnet vor der wichtigsten Messe der Ernährungswirtschaft, der Grünen Woche in Berlin, ein neuer Lebensmittelskandal für Angst am Esstisch. 60 Betriebe in Schleswig-Holstein, 139 in Nordrhein-Westfalen, 27 Fälle in Sachsen-Anhalt: Hunderte Betriebe sind bundesweit gesperrt. Bislang ist klar: Bis zu 3000 Tonnen verseuchtes Tierfutter wurden zwischen dem 12. November und dem 23. Dezember an 25 Futtermittelhersteller in acht Bundesländer geliefert. Mit Auswirkungen bis ins Ausland: So wurden Eier von einem der geschlossenen deutschen Bauernhöfe in die Niederlande geliefert.

Die Rechnung für die Schlamperei am Futtermischer bekommen die Bauern präsentiert: Da wollten wieder "Leute schnell Geld verdienen", kritisierte Bauernpräsident Rainer Tietböhl die Skrupellosigkeit und forderte, die Schuldigen genau zu benennen. Abgeriegelte Bauernhöfe, Verkaufsverbot für Eier und Schweinefleisch: Den Landwirten drohen indes Millionenausfälle. Wer für die Ausfälle zahlt, sei bislang aber unklar, hieß es beim niedersächsischen Landvolk.

Die Verbraucher haben indes kaum eine Wahl: Wer zuviel Angst hat, sollte bereits gekaufte Eier und Geflügelfleisch so lange im Gefrierfach aufbewahren, bis mehr Klarheit herrscht, rät Verbraucherschützerin Degner.

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