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Lokales

21. August 2017 | 10:23 Uhr

Geschichte zum Greifen nah

vom

Linstow/Krakau | "Eine Entspannungsfahrt war das nicht", sagt Johannes Herbst am Montagnachmittag, als der Bus wieder das Heimatliche ansteuert. Entspannung aber war auch nicht gebucht: Am Donnerstagmorgen trat der Heimatverein Linstow, dessen Vorsitzender Herbst ist, samt Freunden seine diesjährige Bildungsreise an. Nach Krakau und nach Auschwitz ging es mit Unterstützung der Landeszentrale für politische Bildung Schwerin auch des "Kulturreferates für Westpreußen, Posener Land, Mittelpolen, Wolhynien und Galizien". Bunt gemischt ist die 44-Personen-Truppe, vom Schüler Johannes Schmoock (12) aus Linstow bis zum Senior und Hobby-Historiker Eduard Bütow (78) aus Schwerin. Eine Gruppe Zehnt-Klässler aus der Regionalen Schule Krakow am See sitzt in der hintersten Reihe. Und immer wieder sind da jene, für die Flucht und Vertreibung nicht nur Worthülsen sind, Erika Groß zum Beispiel aus Linstow oder Wilhelm Neb aus Kuchelmiß.

Busse parken an der Autobahn

Donnerstag. Start am Wolhynier-Umsiedler-Museum in Linstow. Eva ist unsere Reiseleiterin, der Pole Mariusz unser Busfahrer. Wir fühlen uns geborgen bei den beiden. So sehr, dass Ernst Reimann, ein waschechter Wolhynier, gleich auf der Raststätte sein Akkordeon zückt. Die Töne erklingen, Erika Werner und Rosi Voigt nehmen den Takt auf, tanzen eine Polka auf dem Parkplatz. Unsere Gruppe findet sich. Wir werden verwöhnt mit Kaffee von Eva, und Würstchenduft strömt auch bald durch den Bus. Unterwegs staunen wir über die Polen. Es ist zwar verboten, aber sie parken ihre Autos direkt an der Autobahn - um in die Pilze zu gehen. Vom Bus aus sehen wir die Steinpilze und Maronen am Waldesboden blinken.

Krakau - Zentrum des Polentums

Freitag. Guten Morgen, Krakau, dzien dobry! Wie schön nur ist diese Stadt, kaum zerstört während des Zweiten Weltkrieges, Unesco-Weltkulturerbe. Allein der Marktplatz, der Rynek Glowny: Er ist vier Hektar groß, mittig stehen die weltbekannten Tuchhallen, in dessen 100 Meter langen schummrigen Gewölbe heute polnisches Kunsthandwerk verkauft wird.

Gegenüber die Marienkirche, voller Prunk und bekannt nicht zuletzt durch den Altar von Veit Stoß. Wir lauschen dem Trompeter, der jede volle Stunde vom Turme herunter bläst. Einen Ruf, der einst die Bewohner vor den ankommenden Tartaren warnen sollte. 750 000 Einwohner hat die Stadt, 140 000 Studenten, 140 Kirchen; 60 Prozent der Immobilien Krakaus gehören der Katholischen Kirche. Kutschen fahren die Gassen entlang, etliche Kaffeehäuser laden zum Verweilen. Wir sind beeindruckt vom Wawel. Vom Schloss auf dem Hügel an der Weichsel und auch von der dortigen Kathedrale. Wir stehen auch am Grab von Lech Kaczynski. Eine Nonne kniet nieder, bekreuzigt sich davor. "Krakau ist das Zentrum des Polentums", sagt Stadtführerin Anja. In Krakau wirkte Karol Woityla vor seiner Zeit als Papst.

Auf Humboldts Spuren

Sonnabend. Wir besichtigen das Salzbergwerk Wieliczka. Eine unterirdische Stadt, wir laufen auf Salz, testen den Geschmack der Wände. Wirklich alles Salz! Goethe war hier, Alexander von Humboldt. In 100 Metern Tiefe betreten wir eine Kapelle, die mindestens so groß ist wie die Güstrower Pfarrkirche. Unsere Münder bleiben offen stehen. Gibt es das wirklich? Ja.

Nachmittags eine Führung durch Kazimierz, das jüdische Viertel von Krakau. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten hier zigtausende Juden, ab September 1939 zunächst umgesiedelt ins Ghetto und anschließend fast komplett ermordet. Heute sind 150 Juden in Kazimierz registriert. Das Viertel entdeckt sich neu, und wir dürfen dabei sein, am Abend in einem Restaurant im "jüdischen Stil" mit Klezmer-Musik.

Das unfassbare Grauen

Sonntag. Der Tag, vor dem alle Angst haben. Wir fahren nach Oswiecim: Auschwitz. Zuerst sind wir im Stammlager, Auschwitz I. Was wir sonst aus Büchern und dem Fernsehen kennen, ist plötzlich hautnah. "Arbeit macht frei", wir unterschreiten diesen makaberen Spruch. Die steinernen Häuser dienten früher als Kasernen der polnischen Armee, die Nazis brauchten sie nur noch umzuwidmen - in ein Konzentrationslager. Ein Vernichtungslager war Auschwitz I nicht, aber vernichtet wurden die meisten Häftlinge trotzdem, über die Zwangsarbeit, wegen der Bedingungen überhaupt. Auf dem Gelände ist noch das Krematorium erhalten. Wir stehen in der einstigen Gaskammer. Die Häftlinge draußen sollten die Schreie nicht hören, ein laufender Lkw sorgte dafür. In der Ausstellung stehen wir vor vier Tonnen Frauenhaaren, vor Bergen von Kinderschuhen, vor Koffern mit Namen drauf. An der Todesmauer legt jeder von uns eine Blume nieder.

Auschwitz-Birkenau, auch Auschwitz II, übersteigt schließlich unsere Vorstellungskraft. Eine riesengroßes Gelände, nur gebaut, um Menschen systematisch zu vernichten. Insgesamt etwa 1,5 Millionen. Wir sehen die Baracken, die Schienen, stehen auf der Laderampe, auf der "Ärzte" mit einem Blick entschieden, ob der Deportierte noch für Arbeit zu gebrauchen ist oder sofort in die Gaskammer geht. Es rollen ein paar Tränen, bei Älteren, bei Jüngeren.

Pfarrer wird unterwegs Vater

Montag. Es versöhnlicher Abschluss. Oliver Behre, Pfarrer in Zwochau bei Leipzig und engagiert im Hilfskomitee der evangelisch-lutherischen Deutschen aus Polen, erfährt per Telefon, dass er Vater geworden ist. Die Tochter kam verfrüht. Wir gratulieren von Herzen und beginnen guter Dinge unsere Rückfahrt.

"Geschichte wiederholt sich, so lange man nicht aus ihr lernt", sagt noch einmal Johannes Herbst. Fahrten dieser Art seien hierfür ein wichtiger Baustein, vor allem wenn auch die Jugend im Busse sitzt.

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erstellt am 21.Sep.2010 | 07:06 Uhr

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