Geronimo zückt Nadel und Faden

<fettakgl>Winterzeit auf Geronimos Ranch:</fettakgl> Wolfgang Kring fertigt einen Kopfschmuck aus Hermelinfell, Bussardfedern und Elchzähnen. Ungeduldig erwartet der selbst ernannte Apache, dass er endlich wieder draußen mit seinen Pferden trainieren kann.<foto>Frank Pubantz</foto>
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Winterzeit auf Geronimos Ranch: Wolfgang Kring fertigt einen Kopfschmuck aus Hermelinfell, Bussardfedern und Elchzähnen. Ungeduldig erwartet der selbst ernannte Apache, dass er endlich wieder draußen mit seinen Pferden trainieren kann.Frank Pubantz

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12. Februar 2010, 04:23 Uhr

Neu Damerow | Wolfgang Kring heftet mit Nadel und Faden einen Elchzahn an seinen neuen Kopfschmuck. Der wildeste Apache Meck-Pomms muss jetzt im Winter brav auf seinem Sessel mit Wolfsfell sitzen. Er fertigt Kostüme für die nächste Saison. Aus Hermelinfell, Bussardfedern und Geweihhörnern entsteht eine Haube, die wahre Apachen einst getragen haben könnten. "Der Winter ist Mist", sagt Kring. Viel lieber würde er gern mit seinen Pferden für die Live-Show des nächsten Sommers trainieren. Aber auch so gebe es genug zu tun: Sattelzeug für die Pferde herstellen oder Tomahawks reparieren. So müsse z.B. sein 38 Zentimeter langes Wufmesser aufgemöbelt werden. Ilona Hein, seine Partner, bringt einen "Backkrest" ins Wohnzimmer. "Ein indianischer Liegestuhl", sagt Kring und schmunzelt. Apachen haben auch im Winter zu tun. An der Wand hängt Kopfschmuck. "Adlerfedern", sagt der 58-Jährige und schreitet über Büffelfell. Alles müsse so echt wie möglich sein.

Mit Indianer-Büchern fing das Feuer an

Wolfgang Kring steht am Fenster seines Hauses auf der "Ranch of Geronimo" am Poseriner See und blickt in den Winter. Hier habe alles angefangen, im Haus seiner Großeltern, hier wird das deutsche Indianerleben auch irgendwie enden. Schon als Junge habe er sich für Amerikas Ureinwohner begeistert, Karl May oder "Lederstrumpf" gelesen. "Mich hat die Zähigkeit der Indianer fasziniert", erklärt er. Winnetou-Filme waren Pflichtprogramm, DEFA-Schauspieler Gojko Mitic sei sein Held: viel ehrlicher, historischer als andere Darsteller. "DDR-Bürger sahen ihn als Symbol der Freiheit", so Kring. "Die DEFA-Filme waren besser als die Ami-Filme."

In den 1980er-Jahren habe er angefangen, "selbst Indianer zu spielen". Der Weg war irgendwie vorgezeichnet: Als Jugendlicher hatte er lange Haare. Kring zeigt Fotos seines Motorrades mit gefleckter Sitzbank. Seine Kumpels nannten ihn "Apache". Daher die Live-Show, die er Jahr für Jahr begeisterten Besuchern zeigt: seit 20 Jahren in Neu Damerow. Ab 1988 war er offizieller DDR-Indianer mit Ritterschlag. Dafür erhielt er eine "Anerkennung der Qualität im kulturellen Volksschaffen", eine Erlaubnis vor Publikum zu galoppieren - für 225,66 Ost-Mark je Auftritt. Kring ritt, sprang und tanzte erst hinter seinem Haus, bis der Bürgermeister aus dem Ort gekommen sei: Er sollte seine Kunst in einem Kinder-Ferienlager zeigen. Begeisterung folgte, weitere Engagements. Heute trete er auf vielen Shows in Deutschland auf, wird als gewandter Apache auf dem Pferderrücken gebucht. In ein paar tagen will er dafür nach Bremen, im Sommer stehen Programme in Waren/Müritz und Linstow an.

Das Wichtigste sei ihm jedoch die eigene Show in Neu Damerow, für die er das ganze Jahr über übt. Das bedeute viel Training mit den Pferden - "viermal die Woche". Darunter seien auch Stunts und Nummern, die sonst niemand in Deutschland zeige. Beispiel: Kring führt ein Pferd in einen im Durchmesser 3,80 Meter großen Kreis, der zu brennen beginnt. Er lässt das Tier allein, legt es dann mitten im Feuer auf die Erde. Das erfordere viel Übung und Vertrauen. Der Profi-Apache springt mit Pferd durch einen brennenden Planenwagen spießt im wilden Ritt mit einem Speer Ringe auf. Ganz neu: Im Galopp reitet Kring auf seine Partnerin Ilona Hein zu und zertrennt mit einem Säbel eine Banane in ihrer ausgestreckten Hand. "Angst habe ich nicht", sagt Hein. Aber sie wundere sich beim Betrachten von Fotos hinterher selbst, welcher Gefahr sie sich aussetze. Die Show muss stehen.

Für die neue Show mit 50 Darstellern und 25 Pferden greift Wolfgang Geronimo Kring in den nächsten Tagen zum Stift und schreibt die Geschichte auf. Eine Frage der Fantasie. Er habe schon als Schüler dreimal solange Aufsätze geschrieben wie andere. Der Titel des Stücks steht fest: "Der letzte Krieger".

58 ist der Krieger von Damerow jetzt. Kring streicht sich über die gefärbten Haare. "Sie werden immer dünner", stellt er bedauernd fest. Er habe über Transplantation nachgedacht. Indianer brauchen volle Mähnen.

Auch Apachen in Deutschland haben Sorgen: Kring ärgert sich seit langem, dass es kein vernünftiges Reitwege-Konzept in der Region gibt, u.a. wegen des Privatbesitzes von Flächen. Er liebe die Freiheit, doch dürfe er z.B. in der neuen Zeit kein Lagerfeuer im Wald machen. "Das war in der DDR einfacher. Aber jetzt haben wir ja Kapitalismus." Mit leuchtenden Augen erzählt er Geschichten aus seiner NVA-Zeit. Geronimo war gern Gefreiter.

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