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Lokales

20. Oktober 2017 | 00:08 Uhr

Gemeinsam sind sie stark

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erstellt am 02.Sep.2010 | 07:15 Uhr

Ludwigslust | Er verführt und kontrolliert. Er enthemmt und isoliert. Er beruhigt und ruiniert. "Der Alkohol", sagt Günter Lüdeke, "ist ein Teufelswerk". Silvia Kubczak nickt. Beide wissen, wie diabolisch die Alkoholsucht ist, wie sie den Tagesablauf bestimmt und das ganz normale Leben verhindert, nach dem sie sich immer mehr sehnten, je weiter es sich von ihnen entfernte. Ein normales Leben. Es nimmt Konturen an, seit dem letzten Schluck vor fünf Jahren. Es besteht wieder Kontakt zu den Familien, es gibt einen Bekanntenkreis, einen geregelten Tagesablauf, und es gibt eine gemeinsame Tochter, für die beide die Verantwortung tragen.

Zwei Menschen, zwei Biografien. Die von Silvia Kubczak beginnt im Hamburger Stadtteil Harburg, und sie beginnt gut. Intakte Familie, behütete Kindheit, keine Probleme in der Schule, erfolgreich abgeschlossene Verkäuferlehre. Sie lernt einen Mann kennen, verliebt sich, heiratet ihn und wird Mutter. Doch die Ehe funktioniert nicht. "Mein Mann war cholerisch und es setzte auch Schläge", sagt die 43-Jährige. Ein Glas Sekt macht Mut, hilft ihr, sich zu wehren. Silvia Kubczak will oft mutig sein, da reicht ein Glas Sekt allein nicht aus. Es gibt Tage, da ist die erste Flasche schon vor der Morgendusche leer. Silvia Kubczak gewöhnt sich an den Alkohol. Ihr Körper auch. Liegt der Pegel bei 1,2 Promille, dann funktioniert er. Kein Zittern, keine Angst, keine Unruhe. Nur das ewige Verheimlichen der Sucht, das zermürbt. Sie trinkt auf der Arbeit aus grünen Fanta-Flaschen, in denen keiner Sekt vermutet. Sie versteckt den Alkohol in der Wohnung. Sie trinkt immer dann, wenn sie sich unbeobachtet fühlt. Sie trinkt immer mehr, als 2003 ihr Vater stirbt, den sie so lange gepflegt hatte. Jetzt beginnt der Tag mit Wodka, und er endet nicht eher, bis über ein Liter vom hochprozentigen Schnaps heruntergeschluckt ist.

Es ist heiß, es ist kalt, der Schweiß bricht aus. Der Körper fängt an, sich zu wehren. 26. Oktober 2003. Silvia Kub czak macht ihre erste Entgiftung.

Entgiftung - dieses Wort gehört zum festen Sprachgebrauch von Günter Lüdeke. "Bei der 16. Entgiftung habe ich aufgehört zu zählen", sagt er. So viele Versuche, einen Schritt aus dem Teufelskreis zu machen. So viele Anläufe, dem schmerzenden Körper das vorzuenthalten, an das er sich so gewöhnt hat. So viele Enttäuschungen, weil am Ende doch immer wieder der Griff zur Flasche stand. Lüdeke nimmt Hilfe an, hilft selber aber nicht mit. Die Einsicht, etwas verändern zu wollen, ist einfach nicht da.

Als der gebürtige Ludwigsluster als Lehrling auf dem Bau für seine Arbeitskollegen Schnaps besorgen muss, da hat er nicht daran gedacht, dass er später einmal so viele Torturen mitmachen würde. "Auf dem Bau wurde damals viel getrunken", sagt er. Dabeisein, Anerkennung, Gruppendynamik - Lüdeke ist mittendrin. Doch da ist noch der Sport, der ihm wichtig ist. Lieber Langlauf und Orientierungslauf, statt Trinkgelage im Bauwagen. Das klappt gut, auch während des Armee-Dienstes. Doch als er dann Leiter eines Jugendclubs wird, verliert er immer mehr die Orientierung. Der Teufel schleicht sich wieder in sein Leben. "Die langen Abende, das gemütliche Beisammensein, der viele Alkohol", sagt Lüdeke, der sich intensiv um die Probleme der anderen kümmert, seine eigenen aber ignoriert. Als Lüdeke Mitte 30 ist, verlässt ihn seine zweite Frau samt den beiden Kindern. Der Alkohol bleibt. Sein Pensum: 1,4 Liter Schnaps pro Tag. Die Leber ist überfordert, der Magen rebelliert. Entgiftung und Langzeittherapie. Lüdeke ist Anfang der 90er einer der ersten, der in der neu eröffneten Lübstorfer Klinik betreut wird.

Die Wege von Silvia Kubczak und Günter Lüdeke kreuzen sich Anfang Februar 2004 in einem Frühstücksraum der Helios Klinik. Beide entgiften.. Sie sind sich sympathisch, ziehen kurze Zeit später in eine Ludwigsluster Wohnung. Gemeinsam soll es klappen, gemeinsam scheitern sie. Der Neuanfang endet im alten Trott: Es wird getrunken, mehr denn je.

Durch die hohen Fenster fällt helles Tageslicht in die gemütlich eingerichtete, aufgeräumte Altbauwohnung. Alles muss sauber, alles muss ordentlich sein. So ist es heute, und so war es früher, als beide noch tranken. "Wenn mal überraschend Besuch klingelte, dann musste alles gepflegt aussehen. Keiner sollte doch merken, dass unser Leben vom Alkohol bestimmt wurde", sagt Silvia Kubczak. Doch die Klingel bleibt immer öfter stumm, Besuch kommt kaum noch. Der Alkohol ist fast der einzige, dafür aber der treueste Gast. Die sozialen Kontakte, der Freundeskreis bröckeln immer mehr ab. Die Beiden saufen doch nur noch, reden die Menschen. Den Beiden ist es egal, bis zu dem Zeitpunkt, als Silvia Kubczak ihrem Lebensgefährten sagt: "Ich bin schwanger."

Wie gehts weiter? Das Paar stellte sich diese Frage vor fünf Jahren und suchte Antworten in der Tagesstätte "Die Brücke" des Suchthilfezentrums Ludwigslust. Selbsthilfegruppe, offene Gespräche, Kontakte zu Menschen, die die gleichen Probleme haben. Das hilft. Beide sind nun bereit, sich das einzugestehen, was sie so lange verdrängt hatten: alkoholkrank zu sein, dies ein Leben lang zu bleiben und es zu akzeptieren. Die Versuchung ist immer da, der Wille, ihr zu widerstehen, größer denn je. Gemeinsam sind sie stark.

Hilfsbereit, ruhig, engagiert - so sehen die Mitarbeiter des Suchthilfezentrums Günter Lüdeke, der mittlerweile bei einer Spedition als Lkw-Fahrer arbeitet. Werktags sind er und seine Partnerin immer für ein paar Stunden in der Kanalstraße, um einer festen Tagesstruktur nachzugehen. Sie sind trocken, gelten als "zufrieden abstinent". Sie wollen nun, statt zu müssen.

Heute in einer Woche werden Silvia Kubczak und Günter Lüdeke heiraten. Gefeiert wird im Suchthilfezentrum, dort wo ihnen geholfen wird, dort, wo sie anderen mit ihren Erfahrungen helfen. Alkohol ist tabu, über das Thema zu sprechen längst nicht mehr. Sich offen mit der Sucht auseinanderzusetzen, auch das ein Schritt in ein normales Leben. Ein normales Leben, das bei Günter Lüdeke und Silvia Kubczak immer mehr Konturen annimmt.

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