Befürworter und Gegner der Straßenumbenennung in Parchim : Geldfragen und Geschichtsbilder

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Immerhin kamen mehr als 100 Parchimer am Freitag zu einer Anhörung, in der es um die Umbenennung der Straßennamen Lenin, Grotewohl, Dieckmann und Nuschke in der Weststadt ging.

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29. November 2010, 07:04 Uhr

Zu der hatte die Stadtvertretung im September einen Absichtsbeschluss gefasst. Nun kam die erste öffentliche Gesprächsrunde darüber zu Stande, die sowohl Befürworter als auch Gegner für richtig halten. Das blieb allerdings der einzige gemeinsame Nenner beider Konfliktparteien an dem Abend.

Bürger aus der Weststadt hinterfragten vor allem den Aufwand für die Straßenumbenennung und welchen Sinn der mache. Michael Giesler sagte, er sei "aus praktischen Gründen" gegen die Änderung der Straßennamen. "Das ist eine Frage des Geldes." Außerdem seien die Straßennamen Teil der deutschen Geschichte wie auch die DDR. René Fürchow hält es "überhaupt nicht für nachvollziehbar", in dieser Zeit Straßennamen zu ändern. "Ich finde es gut, dass wir darüber diskutieren, aber es gibt doch viel Wichtigeres." Günter Lambrecht missfällt, dass die Diskussion zu sehr parteipolitisch geprägt sei. "Ich bin Bürger dieser Stadt und mache den Vorschlag, dass die Einwohner und Geschäftsinhaber aus der Weststadt über ihre Straßennamen entscheiden sollen." Erhard Vick von der Parchimer Wohnungsbaugenossenschaft monierte, dass nicht vorher mit den Unternehmen gesprochen wurde, lehnte das Vorhaben jedoch nicht ab. Für Bürger seien die Kosten überschaubar, doch auf die Wohnungsbaugenossenschaft komme ein riesiger Aufwand zu. Edmund Friedrich wollte ganz genau wissen, "wie viel an Steuergeldern verbraten wird" und wie viel Geld jeder Einzelne in die Hand nehmen müsse.

Hochgerechnet kämen auf die Stadt Kosten von 2500 bis 3000 Euro für die neue Beschriftung der Namensschilder zu, antwortete Bürgermeister Bernd Rolly (SPD), der die fast durchweg sachliche Diskussion souverän leitete. Für die Änderung im Personalausweis müssten die Bürger nichts bezahlen. Die Kosten für eine Kfz-Ummeldung, die der Bürger als einziges selbst zu tragen habe, bezifferte der 1. Stadtrat Detlev Hestermann auf 10,70 Euro. Hausbesitzer müssten neue Nummern anbringen lassen, weil im gleichen Zuge ein Teil der Häuser anderen Straßen zugeordnet werde.

Stadtpräsident Dirk Flörke (CDU) hatte eingangs die Position der Initiatoren einer Straßenumbenennung bekräftigt und eindringlich dafür geworben. Die betreffenden Namen würden nicht für Werte stehen, die unsere heutige Gesellschaft ausmachen. Leider hörten auf dem "Steckbrief", den die Partei Die Linke bereits in Briefkästen und jetzt auf Stühlen im Saal verteilt habe, die

Angaben zu Lenin beim Dekret über den Frieden auf. Vertreter von Diktaturen seien nicht geeignet, Straßen ihren

Namen zu geben. "Deshalb geht es hier um eine politische Entscheidung", betonte Flörke und erhielt die Unterstützung von Helmut Gresch, CDU-Fraktionsvorsitzender in der Stadtvertretung. "Wir wollen uns nicht nachsagen lassen, ordnungspolitische Dinge in der Weststadt vorzuschieben, um unsere politischen Ziele durchzusetzen. Die politische Absicht hat eindeutig Vorrang."

Auch der Parchimer SPD-Kommunalpolitiker Wolfgang von Rechenberg verbindet mit Straßennamen ein Werteverständnis und befürwortet die Umbenennung. Es sollte aber auch nichts verdrängt werden. Die Geschichte der Straßennamen könne im Stadtmuseum Platz finden oder in den Straßen selbst. Ellen-Erika Reschke, Kreisvorsitzende der Partei Die Linke, meinte, es gehe bei der Straßenumbenennung nicht um links oder rechts, sondern um Bürgerbeteiligung.

Dr. Fred Mrotzek, in Parchim geboren und aufgewachsen, machte seinem Beruf als Historiker alle Ehre. Er zeichnete

Lenins Lebensweg mit bislang kaum bekannten Fakten nach. Die interessante Abhandlung blieb in der Sache allerdings recht wirkungslos. Die unterschied lichen Geschichtsbilder und vor allem gegensätzliche Auffassungen zur DDR-Vergangenheit ließen keine Annäherung von Befürwortern und Gegnern der Straßenumbenennung zu. So erntete auch Prof. Bernhard Gonnermann, 1934 in Parchim geboren und 60 Jahre später in die Heimatstadt zurückgekehrt, Widerspruch auf seine DDR-positive Sicht. Hoch schlugen die Wellen der Empörung, als Eberhard Schulze, der sich im Vorfeld schon den Zorn seiner CDU-Fraktionskollegen zugezogen hatte, frühere Bundespolitiker angriff.

32 Wortmeldungen resümierte Bürgermeister Bernd Rolly nach etwa zweieinhalb Stunden. Bei der Stadt seien inzwischen die ersten Listen mit Unterschriften für einen Bürgerentscheid über die Straßenumbenennung eingegangen. Zehn Prozent der wahlberechtigten Parchimer, das sind rund 1600, müssten sich dafür aussprechen. Die Stadtvertretung befasse sich am 15. Dezember mit dem Thema.

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