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Lokales

18. November 2017 | 00:21 Uhr

Geheimakte Rambow ignoriert

vom

svz.de von
erstellt am 19.Okt.2010 | 06:22 Uhr

Lenzen | Weder die Erkundungsbohrungen noch die Gasexplosion am 25. Juli 1969 seien damals ein Geheimnis gewesen, sagt der Lenzener Horst Möhring. Als Augenzeuge hat er selbst die Explosion gesehen, war zum Unglücksort geeilt. "Als ich ankam, waren bereits Rettungskräfte vor Ort", erinnert er sich. Den Feuerwehrleuten war es nicht möglich, den Brand zu löschen. Der Bohrturm war schon nach kurzer Zeit zusammengebrochen. "Rund eine Woche loderte das Feuer", so Möhring. Schließlich sei es gelungen, eine Gasfackel anzuschließen, die bis in den November hinein gebrannt habe.

Mehr als zehn Bohrungen seien bis in 4500 Meter Tiefe erfolgt. "Wir waren als Lenzener nicht intensiv darüber informiert worden, aber auf einer Bürgerversammlung hat man uns den Zusammenhang erklärt", sagt der 71-jährige Möhring. Die Bohrtürme seien sichtbar und zugänglich gewesen, einige befanden sich direkt neben der Straße. "Natürlich kamen wir auch mit den Arbeitern ins Gespräch", so Möhring.

Mittlerweile habe er das Buch "Schatzsucher" gelesen, herausgegeben von Mitgliedern des Vereins "Erdöl und Heimat" Reinkenhagen. Die ehemaligen Bohrarbeiter und Geologen des früheren Grimmener Erdölbetriebes VEB Erdöl und Erdgas beschreiben 2007 erstmals die Katastrophe präzise auf zehn Seiten, illustriert mit Bildern. Demnach wurden offenbar elementare Sicherheitsvorschriften missachtet und dies führte zur Explosion. Das Gas-Gasolin-Salzlaugengemisch entzündete sich laut ihren Recherchen am glühenden Auspuff eines Antriebsmotors und explodierte.

Der Bohrstellenleiter verstarb noch am Unfallort, weitere sechs Bohrarbeiter wurden schwer verletzt. Der Bohrstellenleiter der Nachbarbohrung U. Fischer berichtet in dem Buch: "Die Hitze war unvorstellbar. In den Wagen schmolzen die Glasscheiben. In der Schmiede explodierten Gasflaschen. Die Kastenprofile des Bohrgerüstes verformten sich zu aufgeblasenen Luftballons."

Geheim sei also wahrlich nicht viel - weder an der Explosion noch an den Gaslagerstätten. "Mich wundert nur, dass den vorliegenden Dokumenten bisher so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde", sagt Horst Möhring. Das Interesse an den detaillierten Forschungsergebnissen müsste doch riesengroß sein. Auch deshalb, weil nach Möhrings Wissen auf Gorlebener Seite nie unterhalb des Salzstocks gebohrt wurde.

Auch Lenzens Bürgermeister Christian Steinkopf kann keine Geheimniskrämerei entdecken. "Was jetzt so aufgebauscht wird, soll wieder einmal nur die Bevölkerung verunsichern", sagt er. Stattdessen sollten alle Beteiligten die "Situation realistisch betrachten". Für Steinkopf zählt die weitere Erkundung des Salzstocks dazu. "Diese muss endlich einmal abgeschlossen werden, um eine Entscheidung über ein atomares Endlager fällen zu können. Irgendwann müssen wir den Atommüll loswerden", sagt Steinkopf und will diese Position auch in der morgigen öffentlichen Podiumsdiskussion in Lenzen vertreten.

Dass die Erkundungsbohrungen für die DDR von hoher Bedeutung waren, erkennt die Linke Bundestagsabgeordnete Dorotheé Menzner an. Schließlich sei bei Salzwedel die zweitgrößte Gasblase des europäischen Festlandkontinents entdeckt worden. Geologen hätten vermutet, dass sich diese bis nach Lenzen erstreckt, eine Ausbeutung wirtschaftlich interessant sei. Doch technisch war sie nicht möglich.

Das Gasvorkommen als unberechenbare Gefahr mache Gorleben als Endlagerstätte unmöglich, so Menzner. Das ließe sich auch mit Erfahrungen beim Kalibergbau im Salzstock im niedersächsischen Wustrow belegen. Der Abbau musste 1921 eingestellt werden, weil es hier ebenfalls zu heftigen Gasausbrüchen kam. "Seit August 2010 wird jetzt in Wustrow eine neue Gasbohrung bis in 3400 Meter Tiefe durch den ganzen Salzstock getrieben, um das restliche Gas zu fördern", sagt die Abgeordnete. Technisch möglich sei das sicher auch im Gorlebener Salzstock.

Doch zuvor müsse die Geheimniskrämerei aufhören. Dazu werde der Untersuchungsausschuss beitragen: "Bis jetzt sind 74 Akten zu Rambow mit Geheimhaltungsvermerk in den Archiven der BGR (Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe) bekannt", informiert Menzner. Weitere Informationen erhofft sie sich vom weltgrößten Gaskonzern GdF (Gas de France), der Rechtsnachfolger aller DDR-Erdöl und Gasbetriebe. Dieser müsse sein Einverständnis geben, denn Rohstoffvorkommen seien zeitlos geschützt.

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