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Lokales

21. September 2017 | 03:38 Uhr

Gefahr für Menschen und Natur

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erstellt am 05.Okt.2010 | 07:17 Uhr

Lübz/parchim | Keine Bienen - keine Bestäubung - keine Nahrung - keine Menschen mehr: Uwe Polak, Vorsitzender des seit 1912 bestehenden Imkervereins Lübz und Umgebung, bringt es drastisch auf den Punkt. "Wenn die Biene als drittwichtigstes Nutztier nach Schweinen und Rindern ausstirbt, bricht das ökologische System - die Existenzgrundlage für den Menschen und die Erstgenannten - zusammen", sagt er. "Den meisten ist nicht bewusst, dass wir am Ende der Nahrungskette stehen. Fatalerweise wird Imkerei in der Regel als Hobby angesehen. Dabei geht es um unser Überleben."

Ein großes Problem sei, dass die Bienen vor allem durch intensiv betriebene Landwirtschaft mittlerweile ein kaum noch ausreichendes Nahrungsangebot vorfinden. Polak: "Vor der Neubestellung spritzt ein Landwirt zum Beispiel nachgewachsene Grünpflanzen tot, was zudem das Grundwasser belastet und auch anderes Leben im Boden vernichtet, was nicht einmal verboten ist. Naturbewusstsein ist allgemein verloren gegangen."

Im Sommer und Spätsommer produzieren Bienen die Winterbienen, die bis zum Frühjahr überleben müssen. Wegen der unzureichenden Nahrung sind die Tiere geschwächt und haben deshalb unter anderem den Angriffen der Varroa-Milbe kaum etwas entgegen zu setzen. Die Folge ist ein großes Bienensterben, das im vergangenen Jahr in Mecklenburg-Vorpommern rund ein Drittel aller Tiere dahinraffte. Dass nicht die Milbe an sich das Problem sei, zeige sich darin, dass sie seit mindestens 30 Jahren in Deutschland lebe. "Bis zur Wende gab es keine Verluste. Wir haben stets gesunde Völker eingewintert", berichtet der Imker. "Allerdings hatten wir 1989 noch gut 80 Mitglieder, heute sind es 26. Die Zahl der Völker gegenüber damals ist auf rund zehn Prozent gesunken und nicht einmal die bekommen wir heute ohne Verluste über den Winter."

2010, im "Jahr der Biodiversität", übernehme die Biene eine Schlüsselfunktion und sie sei das Tier der Landwirtschaftsausstellung MeLa in Güs-trow. Polak hatte sich bereits vor längerer Zeit mit anderen Imkern aus dem Landkreis Parchim auf den Weg nach Schwerin gemacht, um in einem Gespräch mit Landwirtschaftsminister Till Backhaus auf die bedrohliche Lage für Mensch und Tier aufmerksam zu machen. "Man kann durchaus sagen, dass Schwerin das Pro-blem erkannt hat, sagt er. Seit 2009 gibt es in Mecklenburg-Vorpommern das "Bienenweideprogramm", was auf Initiative genannter Imker hin ins Leben gerufen wurde. "Leider ist es bisher auf landesweit 1000 und auf zwei Hektar pro Landwirtschaftsbetrieb begrenzt", so der Lübzer. "Das ist viel zu wenig. In Österreich etwa muss jeder Landwirt zwei Prozent seiner Ackerfläche mit Blühpflanzen bestellen."

Unabhängig von der Größe seien die möglichen Flächen in Mecklenburg-Vorpommern nur zu rund 90 Prozent ausgeschöpft. Durch das Programm erhält der Landwirt fünf Jahre lang 540 Euro pro Hektar. "Im Grunde leicht verdientes Geld, angesichts zusätzlicher anderer Förderung aber offenbar nicht Anreiz genug", meint Polak. Bereits 1811 habe der Botaniker Christian Sprengel erkannt, dass nicht die Produktion von Honig und Wachs, sondern die Bestäubung Hauptzweck der Bienenhaltung sei. Auf sie sind etwa 80 Prozent aller Kultur- und Wildpflanzen angewiesen. Der Staat müsse "ein Heer von Bienen halten", um das Überleben aller Arten und damit auch des Menschen zu sichern. "In den USA etwa hat die Imkerei eine ganz andere Lobby, weil sie dort industriell betrieben wird", weiß Polak. "Dort finden sich im Honig zum Beispiel Medikamente, die in der EU streng verboten sind. Ähnlich dem Reinheitsgebot beim Bier ist das deutsche Honiggesetz weltweit das schärfste und sichert so Qualität."

Weil im Gegensatz zu Deutschland der Anbau genveränderter Pflanzen in den USA zugelassen ist, werde der Honig dort gefiltert, um alle Pollenbestandteile zu entfernen: "Im Supermarkt gibt es bei uns so gut wie keinen rein deutschen Honig, sondern nur solchen, der aus Mischungen aus der EU und Nicht-EU-Ländern besteht, wie das Kleingedruckte auf den Packungen verrät." Wegen Bestandteilen mit unklaren Folgen gelte momentan ein Einfuhrstopp für Honig aus Indien, noch vor kurzer Zeit war China betroffen.

Der Anbau genveränderter Pflanzen ist in Deutschland offiziell noch nicht gestattet. Was Pestizide betrifft, sind in der EU laut dpa "Substanzen, die Krebs erregen, das Erbgut verändern oder die Fortpflanzungsfähigkeit schädigen" verboten. Polak dazu: "Ganze 22 von 400 - geradezu ein Hohn, zumal Ausnahmezulassungen von bis zu fünf Jahren festgelegt sind. Und bei hormonell wirksamen, nervengiftigen, das Immunsystem schädigenden oder für Bienen giftigen Pestiziden gibt es keinen Zulassungsstopp. Unfassbar, ein Verbrechen an Mensch und Tier! Krebserkrankungen haben seit Anfang der 80er Jahre allgemein um 80 Prozent zugenommen - verwunderlich?"

Im Deutschen Gentechnikgesetz erwähne man die Biene, hauptverantwortlich für das Überleben von allen, und die Imkerei mit keinem Wort. Sei der Anbau genveränderter Pflanzen mit unklaren Auswirkungen erst einmal zugelassen, ist Biolandwirtschaft Polak zufolge eh nicht möglich: "Wo schon praktiziert, haben sich genveränderte Pflanzen 100 Kilometer vom Anbauort entfernt gefunden."

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