Geboren am Tag des Mauerfalls

20 Jahre zurückversetzt: Martin und Anke Hartmann schauen sich keine Revolutionsbilder an, sondern Baby-Fotos des Mauerfall-Kindes. Foto: Dana Bethkenhagen
20 Jahre zurückversetzt: Martin und Anke Hartmann schauen sich keine Revolutionsbilder an, sondern Baby-Fotos des Mauerfall-Kindes. Foto: Dana Bethkenhagen

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08. November 2009, 10:02 Uhr

Rostock | Für die Rostockerin Anke Hartmann ist der 9. November 1989 viel mehr als nur der Tag, an dem die Mauer fiel. Denn an diesem Tag kam ihr zweiter Sohn Martin zur Welt. "Mit Martins Geburtstag bringe ich immer den Mauerfall in Verbindung und denke an die Geschehnisse zurück", so Anke Hartmann. Martin selbst kennt diese nur aus Geschichtsbüchern und Erzählungen. Dass sein Geburtstag etwas Besonderes ist, wurde ihm schon als Kind immer wieder gesagt. Doch erst später verstand er warum. "Für mich ist ein geeintes Deutschland Normalität", sagt der 20-Jährige.

Es ist 10 Uhr am 8. November 1989 , als sich das zweite Kind der damals 25-Jährigen Zahnärztin ankündigt. Am Abend fährt die junge Mutter in die Klinik nach Ribnitz-Damgarten, um dort ihren zweiten Sohn zu bekommen. Schon in den Tagen zuvor hat Anke Hartmann in den Medien die Unruhen in der DDR mitbekommen und die Demonstrationen verfolgt, doch an den Fall der Mauer und eine spätere Einheit glaubt sie damals nicht. Die Hochschwangere kann sich an der friedlichen Revolution nicht beteiligen, denn Martin hätte jeden Tag kommen können. "Eigentlich habe ich mich in der DDR wohlgefühlt, doch einige Veränderungen waren dringend nötig", sagt die Zahnärztin.

Nicht an die

Einheit geglaubtWährend der Geburt bekommt Anke Hartmann nicht mit, was sich außerhalb des Kreißsaals abspielt. Als Martin um 10.10 Uhr endlich das Licht der Welt erblickt, war der zweifachen Mutter alles andere erstmal egal. Vater Roman berichtet seiner Frau von der sich zuspitzenden Lage an der innerdeutschen Grenze und schließlich auch vom Mauerfall. "Für mich kam das alles unglaublich überraschend und ich habe nicht geglaubt, dass knapp ein Jahr später wirklich die Einheit kommt", sagt Mutter Anke. Wie viele andere auch will Martins Vater sofort in den Westen fahren. Die frisch gebackene Mutter ist jedoch skeptisch: "Ich hatte Angst, dass die Grenze wieder geschlossen wird, wenn Roman drüben ist und ich mit meinen beiden kleinen Kindern ganz allein dastehe." Doch die Angst sollte unbegründet bleiben.

Nachdem Anke Hartmann die Klinik verlassen hatte, verging noch ein Monat, bis auch sie eine kurze Reise in den Westen unternahm. Mit ihrem Mann und den Söhnen Martin und Hans fuhren sie im Trabbi nach Bad Schwartau, um dort das Begrüßungsgeld abzuholen. Für die Familie waren die 400 DM sehr viel Geld, doch sie kauften zunächst erstmal gar nichts davon ein. "Ich wollte das Geld sparen, um uns später eine Videokamera zu kaufen", so Anke Hartmann. Heute gibt es zahlreiche Aufnahmen und Fotos von Martin und seinem Bruder, die an die damalige Zeit erinnern. Beim Anschauen erzählt Anke unter anderem die Geschichte von Martins Geburt und der ersten richtigen Reise in den Westen ins Saarland.

Für Martin, der heute Maschinenbau an der Universität Rostock studiert, ist es unvorstellbar, wie das Leben und der Alltag in der DDR aussahen. Wenn seine Mutter vom Wohnungsmangel erzählt, ist er froh, dass es heute anders aussieht. "Obwohl Deutschland nun seit 19 Jahren wiedervereinigt ist, muss ich immer wieder feststellen, dass die innerdeutsche Grenze in den Köpfen vieler Menschen noch immer nicht gefallen ist", so Martin. Für die Zukunft wünscht er sich, dass Ost und West noch weiter zusammenwachsen. Wenn Anke Hartmann an die DDR zurückdenkt, denkt sie nicht nur an Negatives. "Wir hatten damals eine schöne Zeit und es gab einige Dinge in der DDR, die ich mir heute zurückwünsche würde", verrät die Zahnärztin. Dazu zählt beispielsweise die Kinderbetreuung oder die Arbeitssituation. Spätestens, wenn Martin im kommenden Jahr seinen 21. Geburtstag feiert, wird sich Anke Hartmann wieder an die turbulente Zeit des Mauerfalls und der friedlichen Revolution erinnern.

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