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Wismar Zweite Chance im Berufsleben mit Blumen

Von PETT | 05.12.2017, 20:45 Uhr

Trotz Krankheit eine neue Perspektive: Eingliederungsmaßnahme der Agentur für Arbeit hat Erfolg

Dass sie schwer krank ist, sieht man ihr wahrlich nicht an. Vivien Diedrich strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie über ihren neuen Beruf erzählt. Dabei ist die 30-Jährige gerade einmal im 2. Lehrjahr. „Ich mache über eine Eingliederungsmaßnahme des Arbeitsamtes eine zweite Berufsausbildung zur Floristin“, erzählt die junge Frau stolz. Seit Februar ist sie im Rahmen einer einzelbetrieblichen Umschulung Auszubildende im Blumengeschäft „Gänseblümchen“ in Wismar. „Wir haben im Zuge der Orientierungsmaßnahme geschaut, welche Interessen Frau Diedrich hat und welche Möglichkeiten sich trotz ihrer Krankheit bieten“, berichtet Christian Saar, Geschäftsführer Operativ der Bundesagentur für Arbeit Schwerin.

Die Krankheit unter der Vivien Diedrich leidet, ist so heimtückisch wie unbeherrschbar: Migräne mit komplexer Aura – das heißt, dass solche Anfälle sogar mit Lähmungserscheinungen einhergehen. „Ich habe Migräne seit meinem 12. Lebensjahr. Aber in der Schwangerschaft und nach der Geburt meiner Tochter hat sie sich zu dieser schlimmen Form verstärkt“, erklärt die Mutter einer neunjährigen Tochter. Damit konnte Diedrich, die als Alleinerziehende in Grevesmühlen lebt, kaum noch arbeiten. Zumal diese Arbeit auch alles andere als erfüllend für die junge Frau war. „Ursprünglich wollte ich ja Floristin werden, aber die Zusage die ich damals bereits von einer Firma hatte, wurde kurzfristig wieder zurückgezogen“, erinnert sich die Grevesmühlenerin. In ihrer Not habe sie dann Fleischereifachverkäuferin gelernt, aber nie in dem Beruf gearbeitet. „Ich war als Putzfrau und in einer Großwäscherei tätig, um mich und meine Tochter über Wasser zu halten“, berichtet die angehende Floristin. „Das war ganz augenscheinlich für die Krankheit von Frau Diedrich alles andere als zuträglich“, meint Petra Groth, Verbundgeschäftsstellenleiterin der Agentur für Arbeit Wismar. Deshalb half ihr die Agentur eine neue Perspektive zu finden.

„Sie hat bei uns ein Praktikum gemacht bei dem wir sofort gemerkt haben, dass es perfekt passt“, erzählt Bärbel Hottendorff, Inhaberin des Gänseblümchen. In ihrem Blumenladen arbeiten noch drei Vollzeitangestellte und eine Teilzeitkraft. Für Hottendorff war es selbstverständlich, Vievien Diedrich trotz ihrer Krankheit und ihrer gebrochenen Erwerbsbiografie eine Chance zu geben. Und die dankt es ihr bereits jetzt durch Erfolge: So gewann sie Ende Oktober beim Landeswettbewerb der Auszubildenden Mecklenburg-Vorpommern im Ausbildungsberuf Florist/Floristin zwei Erste Plätze in der Rubrik 2. Ausbildungsjahr.

Vivien Diedrich hat ihren Traumberuf nach langer Odyssee und mit Hilfe der Agentur für Arbeit und dem Ausbildungsbetrieb gefunden. In auf zwei Jahre verkürzter Ausbildungszeit erlernt sie nun den zweiten Beruf. Dabei nimmt sie auch so manche Strapaze auf sich, wie das beim Blockunterricht tägliche Pendeln von Grevesmühlen nach Ribnitz-Damgarten in die Berufsschule. Eine Unterkunft kann sie sich dort wegen ihrer Tochter nicht nehmen. „Aber das macht nichts, das ist ja nicht mehr lange. Viel wichtiger ist, dass ich, seit ich die Ausbildung mache und hier arbeite, viel weniger Migräneanfälle habe“, sagt Vivien Diedrich.

Im Landkreis Nordwestmecklenburg nutzen aktuell 44 Menschen die Möglichkeit, über das Wiedereingliederungs-Programm der Agentur für Arbeit in Form einer zweiten Berufsausbildung, sich eine neue Existenz aufzubauen. Drei davon kommen aus dem Gadebuscher Raum.