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Bülow Wo unsere „Zitronen“ blühen

Von pett | 15.12.2017, 21:00 Uhr

Der Sanddorn steht dem echten, mediterranen Zitrusgewächs aus südlichen Gefilden in nichts nach

Sicherlich denken Sie jetzt „Klimawandel ... alles klar ... und beim nächsten Waldspaziergang fallen mir die Kokosnüsse auf den Kopf.“ Keine Angst, es geht hier weder um den Klimawandel noch um richtige Zitronen sondern um eine heimische Pflanze, die als „Zitrone des Nordens“ bekannt ist.

Unsere Nord-Zitrone, der Sanddorn (Hippophae rhamnoides), steht dem echten, mediterranen Zitrusgewächs aus südlichen Gefilden in nichts nach.

Unsere Zitrone ist sogar viel besser, weil saurer, vitaminreicher und gelber als das subtropische Gewächs. Zudem ist sie anspruchslos was Boden und Klima angeht und um an ihren sauren Inhalt zu gelangen muss man sie nicht schälen und man braucht keine Zitruspresse.

Doof ist, dass unsere Zitrone sticht und es bei der Ernte im Winter bitterkalt ist. Da die Früchte in einer Höhe von zwei Metern und mehr hängen, werden die Finger nach und nach zu Eiszapfen, die Arme zusehends schwerer, dafür aber auch blutleerer und der Nacken versteift sich in eisiger Luft durch den stetigen Blick nach oben. Oft kann man in den Wintermonaten Menschen in der Nähe von Sanddornhecken antreffen, die auf Zehenspitzen stehen, mit starrem Blick zum Himmel schauen und wild ihre Arme schütteln.

Der Sanddorn ist zweihäusig. Das bedeutet, um ernten zu können brauchen sie eine weibliche und eine männlich Pflanze. Beide Pflanzen blühen ab Mitte März am Holz des Vorjahres. Die Männchen sind auffälliger und hübscher, wie im wahren Leben eben auch.

Die bis zu acht Millimeter langen ovalen Früchte lassen sich zu vielen gesunden Dingen wie Fruchtmus, Fruchtsaft, Likör, Obstbrand, Tee, Konfitüre, Fruchtaufstrich und Limonade (Fasanenbrause) aber auch Seife und Cremes verarbeiten.

Letztere gelten nicht nur als hautpflegend, sondern werden bei der Heilung von Hautverbrennungen und Sonnenbrand verwendet. Da wir auf dem Kastanienhof wegen des Klimawandels selten Sonnenbrand bekommen, habe ich den bis zu sechs Meter hoch wachsenden Sanddorn als Hecken- und Vogelnährgehölz gepflanzt. Seine dornenbewehrten Zweige bieten heimischen Vögeln einen sicheren Platz für den Nestbau. Mit seinen leuchtenden Beeren ist er überdies an dunklen Wintertagen ein schmückender Stimmungsaufheller.

Bei den frühzeitlichen germanischen Völkern war der Sanddorn die Pflanze des Donnergottes Thor. Sanddornzweige über Tür und Tor aufgehängt schützten vor Blitzeinschlag und Hexereien. Selbst gegen Zahnschmerzen gab es einen Sanddornzauber. Hierbei mussten nach vollendeter Maniküre und Pediküre in „Brunhildes Nagelstudio“ Finger- und Fußnägel unter einem Sanddornstauch vergraben werden. Schwups waren die Zahnschmerzen weg.
Sanddorn wurde auch als altgermanisches Navigationsgerät genutzt. Hierbei wurde mit getrockneten Sanddornbeeren geräuchert. Der aufsteigende Rauch wies dann die Richtung des gewünschten Zieles. Sicherlich führte das damals an vielen germanischen Kreuzungen bei hohem Verkehrsaufkommen zu Smogalarm.

Übrigens lassen sich die Sanddornbeeren am besten in gefrorenem Zustand ernten. Sie sind dann nicht so druckempfindlich, müssen aber umgehend zu Mus oder Saft verarbeitet werden.