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Grenzhus Schlagsdorf Spurensuche im Ex-Grenzstreifen

Von hgl | 19.12.2016, 05:00 Uhr

Mit einer Exkursion zu Orten, an denen DDR-Bürger versuchten, in die Bundesrepublik zu fliehen, endet die Ausstellung „18 Fluchtorte“

Es ist neblig, die Kälte kriecht durch jede Naht, auch die Sonne hält sich zurück und versteckt sich irgendwo hinter dem grauen Dezemberhimmel. Und dennoch: 15 Neugierige begeben sich auf Spurensuche zu Orten deutsch-deutscher Vergangenheit. Die Exkursion stellt den Abschluss der Ausstellung „18 Fluchtorte zwischen Ratzeburger See und Boizenburg 1976 bis 1989“ vom Grenzhus Schlagsdorf dar.

Eine Station ist der kleine Parkplatz an der B 208 am Abzweig nach Groß Molzahn. Dort wurde vom damals 37-jährigen Hans Brandt am 28. Januar 1982 ein Straßenschild als Übersteighilfe über einen ersten Grenzzaun herausgerissen. Beim Überwinden des zweiten Grenzzaunes löste die Selbstschussanlage aus. „Schwer verletzt rettete sich der Mann über den zugefrorenen Culpiner See ins Schilf. In den frühen Morgenstunden wurde er von einem Suchtrupp des Bundesgrenzschutzes gefunden“, erzählt Wolfgang May. Der Pensionär ist heute 67 und arbeitete 40 Jahre in Ratzeburg beim Bundesgrenzschutz. Das für viele Zuhörer Unvorstellbare: Zwar überlebte der DDR-Flüchtling, doch bereits gut drei Monate später kehrte der Mann in die ungeliebte Heimat zurück. Seine Ehefrau hatte ihn – offensichtlich auf Veranlassung der Staatssicherheit – dazu bewegen können. Dreieinhalb Jahre nach seiner Rückkehr starb Hans Brandt, wahrscheinlich an den Spätfolgen seiner Verletzungen durch die Selbstschussanlagen.

Es sind diese Geschichten, diese Bilder, die die Sonderausstellung „18 Fluchtorte“ so besonders und so anschaulich macht. „Geschichte lebt von Bildern und Zeitzeugen“, sagt der Hamburger Erke Kurmies als Mitinitiator der Ausstellung. „Es ist die Aufgabe unseres Museums, diese Schicksale zu erzählen. Wir wollten die Menschen zeigen, die versucht haben zu fliehen. Und wir wollten deren Fluchtorte anhand historischer Unterlagen aus Stasi-Ermittlungen dokumentieren“, sagt Dr. Andreas Wagner als Leiter des Schlagsdorfer Informationszentrums zur innerdeutschen Grenze.

Noch bis zum Ende des Jahres ist die Ausstellung im Grenzhus-Erdgeschoss zu sehen. Doch das nächste Projekt ist bereits anvisiert. Erneut soll in diesem vor allem regionalen Geschichten ein breiter Raum eingeräumt werden. Und erneut soll ein Begleitheft wie zum Fluchtorte-Projekt herausgegeben werden. „Im Jahr 2017 wollen wir uns mit einer gesonderten Ausstellung dem Thema der sogenannten geschleiften Dörfer und den Geschichten der umgesiedelten Bewohner widmen“, so Dr. Andreas Wagner. Denn auch das gehöre zu den Spuren der innerdeutschen Grenze.