Ein Angebot des medienhaus nord
Ein Artikel der Redaktion

Forstrock Festival Jamel Spontanauftritt der Toten Hosen in Jamel

Von Frank Pfaff | 30.08.2015, 12:20 Uhr

Seit gut zehn Jahren trotzen die Lohmeyers den Attacken durch benachbarte Neonazis. Das Paar wehrt sich - mit einem Rock-Festival für Demokratie. Dort traten überraschend „Die Toten Hosen“ auf.

Der überraschende Auftritt der Rockband „Die Toten Hosen“ hat dem Festival „Forstrock - Für eine bunte Welt“ in Jamel bei Wismar einen Besucherrekord beschert. Etwa 1300 Menschen kamen zu dem zweitägigen Musikfest, das die Eheleute Birgit und Horst Lohmeyer  auf ihrem alten Forsthof seit 2007 als Signal für Demokratie und Toleranz veranstalten. Das waren doppelt so viele wie im Vorjahr.

Das nach Angaben von Frontmann Campino erst wenige Tage vor dem Festival spontan vereinbarte Gastspiel war bis zuletzt geheim gehalten worden, verbreitete sich am Samstag aber rasch über die sozialen Netzwerke. So erlebte das drei Dutzend Einwohner zählende Dorf, das seit Jahren durch die offenkundige Dominanz einer Gruppe von Neonazis für Schlagzeilen sorgt, am Samstagabend einen Besucheransturm.

Lange vor dem etwa einstündigen Auftritt der politisch engagierten Musiker musste das Eingangstor zum Forsthof geschlossen werden, weil die maximale Besucherkapazität von 1000 erreicht war. Der Auftritt sei als Zeichen der Solidarität und des Respekts gedacht gewesen: „Es ist eine Geste der Hochachtung für das, was die Lohmeyers hier leisten, und für alle anderen, die sich nicht wegdrehen, wenn die Nazis Plätze für sich reklamieren“, sagte Campino.

Seit 2004 lebt das Paar in dem Dorf in Westmecklenburg und sieht sich seither fortwährenden Anfeindungen durch dort lebende Neonazis ausgesetzt. Mitte August war die Scheune auf dem Forsthof in Flammen aufgegangen. Ermittler fanden Indizien für Brandstiftung und vermuten einen rechtsextremen Hintergrund.

Für ihr Engagement gegen rechte Gewalt und Intoleranz wurden Birgit und Horst Lohmeyer am Samstag mit dem Georg-Leber-Preis für Zivilcourage der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt geehrt. „Es ist ermutigend, dass sich Birgit und Horst Lohmeyer so unerschrocken gegen die neuen Nazis stellen“, würdigte der Bundesvorsitzende Robert Feiger das Engagement der Eheleute. Beide gäben ein Beispiel dafür, dass es anders geht, als zu verharmlosen und sich wegzuducken.

Birgit Lohmeyer zeigte sich dankbar für die erneute Auszeichnung und die bundesweite Welle der Solidarität, die sie und ihr Mann besonders seit dem Brandanschlag erlebten. Das sei eine Ermutigung, sich nicht dem Nazi-Terror zu beugen, sagte sie. „Und es ist Ansporn, weiter aktiv zu bleiben.“ 2011 war das Paar bereits mit dem Paul-Spiegel-Zivilcourage-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland ausgezeichnet worden. 2012 folgte der Bürgerpreis der deutschen Zeitungen.

Zu Beginn des Festivals am Freitag hatte Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) das Engagement der Lohmeyers gewürdigt. Es sei wichtig, auch mit Veranstaltungen wie dem „Forstrock“ Flagge zu zeigen und so gemeinsam Zeichen für Demokratie und Weltoffenheit zu setzen. Das gelte gerade für Orte wie Jamel, „wo Nazis ihre menschenverachtende Gesinnung durchzusetzen versuchen“. Der Staat werde jedoch nicht zulassen, dass Rechtsextreme so tun, als könnten sie „befreite Zonen“ schaffen. „Wir werden gegenhalten, auch in schwierigen Orten“, versicherte Sellering.

Der Ort Jamel nimmt einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zufolge auch einen exponierten Platz in einer bislang unveröffentlichten neuen Fallsammlung ein, mit der Verfassungsschützer von Bund und Ländern die Bedrohlichkeit der NPD für das friedliche Zusammenleben in Deutschland belegen wollen. Die NPD behindere „aktiv-kämpferisch“ politische Gegner und Minderheiten.

So werde das mecklenburgische Dorf Jamel „gesellschaftlich fast vollständig von Rechtsextremen beherrscht“, zitiert das Blatt aus dem Schreiben, das die Rechtsvertreter des Bundesrats dem Bundesverfassungsgericht vorgelegt hätten. Wandgemälde im NS-Stil und Wegweiser mit Hinweisen auf Hitlers Geburtsort Braunau belegten dies ebenso wie Aussagen von Dorfbewohnern. NPD-Funktionäre sorgten für ein Klima der Angst. Im Dezember 2013 hatte der Bundesrat beim Bundesverfassungsgericht einen Antrag auf Verbot der NPD eingereicht.