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Ermittlungspanne in Gägelow Nach Drogen-Razzia: Firma kritisiert Staatsanwaltschaft

Von MICA | 01.12.2017, 20:50 Uhr

Lieferant des Bundesgerichtshofs wehrt sich gegen falsche Verdächtigungen

Ermittlungspanne in einem Kriminalfall? Im Zuge einer Drogen-Razzia hat die Polizei in Gägelow bei Wismar den Tinten-Shop von Matthias Kunze durchsucht. Der Einsatz nahe des größten Einkaufszentrums Nordwestmecklenburgs sorgte für Aufsehen und Spekulationen. Der 45-jährige Firmeninhaber sieht inzwischen den Ruf seines Unternehmens, das neben dem Bundespräsidialamt in Berlin auch den Bundesgerichtshof in Karlsruhe mit Büromaterial beliefert, in Gefahr. Er wirft den Ermittlern in Mecklenburg schlampige Arbeit vor und erwägt rechtliche Schritte.

Bei der Razzia stützten sich die Einsatzkräfte auf einen Beschluss des Amtsgerichts Schwerin (Aktenzeichen 36GS1676/17). Dieser sah auf Antrag der Staatsanwaltschaft die Durchsuchung von Wohn- und Geschäftsräumen eines in der Türkei geborenen und in Wismar lebenden Mannes vor. Die Justiz erhoffte sich, „dass die Durchsuchung zur Auffindung von (…) Betäubungsmitteln, Dealeraufzeichnungen führen wird.“

Der 28-jährige Beschuldigte soll in der Kreisstadt Wismar seit dem Jahr 2010 mit Drogen gewerbsmäßig gehandelt haben. Konkret soll er nach SVZ vorliegenden Unterlagen Kokain und Marihuana vertickt haben – gewinnbringend an eine Vielzahl von Abnehmern. Die zuständige Richterin gab im Falle von Gefahr in Verzug auch grünes Licht für die Durchsuchung von Räumen, die ausschließlich durch Dritte genutzt werden.

Der Name des Gägelower Firmeninhabers Matthias Kunze taucht in dem dreiseitigen Gerichtsbeschluss zwar an keiner Stelle auf. Dennoch fuhr die Polizei mit mehreren Wagen auch vor seinem Geschäft vor und startete mit Drogenspürhunden und Videotechnik die Durchsuchung des Ladens, des Lagerraums, eines Privatraums und eines Umkleideraums. Die Ermittler nahmen einen Ordner mit Fahrzeugbriefen, Auto-Kaufverträge, einen Visitenkarten-Ausdruck, eine Fahrzeugschein-Kopie und eine Lohnsteuerbescheinigung 2016 mit. Außerdem kassierten sie Rechnungen für den Beschuldigten bzw. einen weiteren Mann inklusive Überweisungsbelegen ein.

Als Zufallsfund stuft das Polizeipräsidium Rostock die beschlagnahmten Unterlagen in Gägelow ein. Als illegal bezeichnet Ladeninhaber Matthias Kunze die Durchsuchung seiner Räume und meldet Widerspruch an. In einem Schreiben an das Amtsgericht Schwerin fordert er die sofortige Herausgabe der beschlagnahmten Unterlagen. „Die Staatsanwaltschaft muss Ihnen falsche Tatsachen mitgeteilt haben, wodurch Sie diesen Beschluss erlassen haben“, kritisiert Kunze in einem Schreiben an das Amtsgericht.

Darüber hinaus spricht Kunze von Hausfriedensbruch und einem schwerwiegenden Eingriff in sein Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung. Die Ermittler „haben hier alles gelesen – Einkaufsrechnungen, Kaufverträge von meinen privaten Kraftfahrzeugen, etc. Die Funde haben nichts mit einer Straftat zu tun“, beteuert Kunze. Hinzu komme, dass der Beschuldigte hier polizeilich auch nicht gemeldet sei und sich hier auch nicht aufhalte.

Matthias Kunze verschweigt nicht, dass der Beschuldigte einst auf dem Gägelower Grundstück in attraktiver Geschäftslage einen Autohandel habe aufbauen wollen. Das habe dieser aber bereits Anfang 2017 wieder aufgegeben. Möglicherweise geriet Kunze damals in den Fokus der Ermittler.

Für die Staatsanwaltschaft war die Durchsuchung des Objekts in Gägelow offenbar nicht sonderlich von Erfolg gekrönt. „Betäubungsmittel wurden in dem benannten Objekt nicht gefunden. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf die Frage der Rechtmäßigkeit der Durchsuchung“, teilt Oberstaatsanwalt Stefan Urbanek auf SVZ-Anfrage mit und verweist auf den Beschluss des Amtsgerichts. „Nach den bis dahin durchgeführten Ermittlungen bestand die Vermutung, dass der Beschuldigte Betäubungsmittel in dem Objekt verwahren könnte“, so Urbanek. Darüber hinaus vermuteten die Ermittler, dass der Beschuldigte mitverantwortlich für ein weiteres, dort betriebenes Gewerbe sei.

Unternehmer Kunze hält dagegen: Seine Geschäftsräume habe der Beschuldigte nie genutzt. „Hier wurde einfach schlecht ermittelt und jetzt sind die wildesten Gerüchte in der Welt. Diesen Einsatz auf Kosten der Steuerzahler, zu denen auch ich gehöre, hätte man sich schlichtweg sparen können“, wettert Kunze.

In sozialen Netzwerken schießen seit der Durchsuchung des Tinten-Shops die Spekulationen ins Kraut. Um dem entgegen zu wirken, würde Kunze am liebsten von einem Drehtag der ZDF-Serie „Soko Wismar“ sprechen. Zum Scherzen ist er aber nicht aufgelegt. Denn er fürchtet seit dem Polizeieinsatz um den Ruf seiner 15 Jahre alten Firma mit einem Jahresumsatz von mehr als einer Million Euro. Zu Kunzes Kunden zählen neben dem Bundespräsidialamt und Bundesgerichtshof auch Akademien, Amts- und Landgerichte, das Bundesministerium für Bildung, das Technische Hilfswerk – und der Polizeipräsident von Berlin.

Fündig wurden die Ermittler bei der Drogen-Razzia in und um Wismar übrigens doch noch, allerdings in anderen Objekten. Dort beschlagnahmten sie insgesamt 2,3 Kilogramm Marihuana. Gegen drei Beschuldigte wurden wegen des Verdachts auf Handel mit Betäubungsmitteln Ermittlungen aufgenommen.