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Wöbbelin Hummelflug statt Handarbeit

Von Benjamin Piel | 08.12.2010, 01:57 Uhr

Im Karton summt und rappelt es, als Guido Sellmann eine Plastiklasche nach oben zieht.

Kaum ist der Ausgang des Nestes offen, da zwängt sich auch schon die erste Hummel hinaus und hebt ab. Sie ist eines von über 1000 Insekten, die im Gewächshaus des Wöbbeliner Hofes Denissen Tomatenblüten bestäuben. "Früher musste das manuell gemacht werden, aber das ist viel zu aufwändig", erklärt Sellmann, der als Vorarbeiter auch für die Insekten zuständig ist.

Morgens öffnet er die Nester - dann schwärmen die Tiere zur Arbeit aus. Abends schließt er die Nester wieder, wenn sich die Hummeln wieder im Nest eingefunden haben. Sie sind tagaktiv, brauchen Licht zur Orientierung. Wenn es dunkel wird, kehren sie selbstständig in ihre Nester zurück.

Die "dicken Brummer" haben einen ausgeprägten Orientierungssinn. In jedem der 13 Kartons, die auf vier Stationen verteilt in dem Gewächshaus stehen, lebt eine Königin und 80 bis 100 Arbeiterinnen. Nach zehn Wochen läuft ihre Zeit in dem Gewächshaus ab. "Dann lässt die Leistung der Tiere deutlich nach und wir müssen sie austauschen", sagt Sellmann. Das bedeutet, dass die Nutztiere vernichtet werden.

Etwa 1000 Hummeln bestäuben rund 7000 Pflanzen

Weil die Wöbbeliner ganzjährig Tomaten produzieren, gibt es auch für die Erdhummeln das ganze Jahr über Arbeit. Die Hautflügler sind besonders gut für die Bestäubungsarbeit geeignet, weil sie auch bei Temperaturen um zehn Grad gut arbeiten können. Vorteilhaft ist auch die Größe der Insekten. Denn dadurch bringen sie automatisch den männlichen Pollen mit den weiblichen Blütenteilen, der Narbe des Blütenstempels, in Berührung: der Zeugungsakt der Pflanzen. Kleine braune Punkte an den Blüten zeigen an, dass die Hummeln ihre Arbeit erledigt haben. "Die Punkte entstehen dort, wo die Hummeln sich festgekrallt haben", sagt Sellmann, während er auf einer Art Hebebühne über den Pflanzen steht. Die Bestäubung per Hand durchzuführen, wäre viel Arbeit - immerhin stehen auf einem halben Hektar rund 7000 Pflanzen. Zwischen drei bis vier Tonnen Tomaten produziert das Unternehmen im Monat.

Auch der Zoologe Michael Lattorff vom Institut für Biologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sieht vor allem Kosteneinsparungen als größten Vorteil des Insekteneinsatzes zur Bestäubung. "Das Bestäuben, das früher manuell durchgeführt wurde und dadurch teuer war, entfällt mittlerweile", so Lattorff. Er leitet an der Uni Halle ein Team, das einen genetischen Schnelltest zur Früherkennung erkrankter Insekten entwickelt. Das ist nötig, weil die Zuchthummeln anfälliger für Krankheiten sind. Forschungsleiter Lattorff schätzt, dass weltweit pro Jahr rund eine Million Hummelvölker für den Einsatz in Gewächshäusern produziert werden.

Die 13 Völker, die im Wöbbeliner Gewächshaus fleißig sind, stammen aus der Zucht eines niederländischen Unternehmens. "Koppert Biological Systems" beschäftigt am Firmensitz in einer südholländischen 1000-Seelen-Gemeinde seit 1967 rund 250 Mitarbeiter. Die Firma ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer für natürliche Bestäubung und für biologischen Pflanzenschutz.

Auch für den Pflanzenschutz setzen die Wöbbeliner Tomatenzüchter Tiere als Ersatz für Pestizide ein. Raupen fressen weiße Fliegen und Blattläuse. Doch der tierische Einsatz hat auch seine Schattenseiten: Schon dreimal stachen die Hummeln Vorarbeiter Guido Sellmann. Es erwischte den 40-Jährigen am Arm, am Bein und an der Lippe. "Das wurde richtig schön dick und ich hatte lange Spaß an den Stichen", erinnert er sich und lacht. Aber die Stiche nimmt er gerne in Kauf, solange die Hummeln zuverlässig ihren Job machen.