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Rehna Hier kommt Jonny

Von kroe | 15.02.2014, 00:00 Uhr

Männer in Kindertagesstätten sind rar gesät im Landkreis Nordwestmecklenburg. Jonny Steinberg ist einer von nur 16 Erziehern im Kreis

Sechs zweijährige Kita-Knirpse hocken auf dem Fußboden und bauen eine Eisenbahnstrecke auf. Sehr konzentriert wird Schiene an Schiene gelegt. Ella guckt genau, was die anderen spielen, tapst dann zu einer Schublade, holt sich auch eine kleine Eisenbahn, setzt sich dazu und spielt mit. Jonny Steinberg sitzt mitten unter den Kleinen, hilft beim Zusammenstecken der Schienen und tröstet, wenn einer dem anderen die kleine Bahn weggenommen hat.

Eisenbahnstrecken legen und Türme bauen, Bücher lesen und draußen Toben: „Spaß macht alles hier“, sagt Steinberg. Der 24-jährige Gadebuscher ist Erzieher in der Rehnaer Kita und kümmert sich seit einem halben Jahr um die Knirpse. „Man sieht so schnell die Fortschritte, die sie machen, wie sie zum Beispiel das Sprechen lernen“, erzählt er begeistert. Jonny Steinberg ist der einzige männliche Erzieher im 15-köpfigen Team der Kita. „Und ich wurde sehr gut aufgenommen hier“, sagt er. Auch Kita-Leiterin Jana Holst ist von dem neuen Erzieher begeistert: „Wir haben uns sehr gefreut, als er zu uns kam. Für die Kinder ist ein männlicher Erzieher schon etwas anderes. Und sie merken, wie lieb er zu ihnen ist und dass er es ehrlich meint“, sagt sie. Auch vom Elternrat habe es durchweg positive Rückmeldungen auf den neuen Erzieher gegeben, sagt die Kita-Leiterin. „Der ist hier richtig“, ist sie überzeugt.

Auch Nicole Bender, die Mutter von Finley, der in Steinbergs Fische-Gruppe geht, ist von dem männlichen Erzieher begeistert: „Ich finde das total super, dass es hier in der Kita einen Mann gibt. Es ist schön, dass sie Jonny haben.“ Für die Kleinen als männliche Bezugsperson zu fungieren, das findet auch Steinberg wichtig: Viele Mütter wären alleinerziehend, manchmal hätten die Kinder gar keinen Mann als Bezugsperson. „Sie treffen dann in der fünften Klasse auf den ersten Mann als Lehrer. Das finde ich zu spät.“ Außerdem hätten die kleinen Jungs mit ihm auch jemanden, der gern auf dem Hof mit ihnen Fußball spiele, fügt er schmunzelnd an.

Im Landkreis Nordwestmecklenburg gibt es gegenwärtig etwa 100 Kindertageseinrichtungen. Davon werden zur Zeit fünf Kindertagesstätten von männlichen Leitern geführt, sagt Petra Rappen, Pressesprecherin des Landkreises Nordwestmecklenburg. „Darüber hinaus werden 16 staatlich anerkannte Erzieher in den verschiedenen Kitas im Landkreis beschäftigt.“ Steinberg ist einer dieser 16 Männer. „Ich habe in der neunten Klasse ein Praktikum im Kindergarten gemacht, das hat mir sehr gut gefallen“, erzählt der 24-Jährige. „Außerdem habe ich zwei kleine Geschwister, mit denen ich früher viel gespielt habe. Vielleicht kommt der Spaß an der Arbeit mit Kindern daher“, sagt er. Zwei Jahre Ausbildung und insgesamt 600 Stunden Praktikum hat Jonny Steinberg durchlaufen, bis er als Erzieher tätig werden konnte. Von 30 Auszubildenden waren insgesamt nur sechs Männer in seiner Klasse, erzählt er. „Und die Lehrer sagten, das sei die höchste Anzahl seit Jahren gewesen.“ Das sich nur so wenige Männer für den Beruf als Erzieher interessieren, führt Steinberg darauf zurück, dass viele die Erziehung immer noch als einen Frauenberuf sehen würden. „Vielen Menschen haben auch ein völlig falsches Bild vom Arbeitsalltag in der Kita. Es steckt viel mehr dahinter als Körperpflege und ein bisschen Spielen.“

Tyler versteckt sich hinter seinem Erzieher, legt den Kopf an dessen Arm und lugt schüchtern hinter seinem Rücken hervor. Jonny Steinberg lacht, nimmt den Knirps hoch und fragt: „Was ist denn mit dir los? So kenn ich dich ja gar nicht.“ Tyler guckt ihn an und lächelt. Dann schmiegt er sich in Jonnys Arm: Erst einmal abwarten und aus sicherer Position gucken, was die anderen Kinder machen.

15 Kita-Kinder befinden sich tagsüber in der Obhut des Erziehers und seiner Kollegin. Mit seinen Schützlingen übt Steinberg während des Spielens ganz unauffällig das Sprechen und das soziale Miteinander. Und das mit Spaß – für alle. Er habe sich nach Abschluss der Ausbildung aussuchen können, wo er arbeiten wolle, sagt Jonny Steinberg. Und er wollte in der Heimat bleiben. Deshalb hat er sich beim Jugendhilfezentrum in Rehna als Erzieher beworben. Und Steinberg wurde gern genommen: „Wir sind ein großer Träger. In der Kita ist es immer schön wenn wir einen Mann finden, der sich vorstellen kann, mit kleinen Kindern zu arbeiten“, sagt Holger Glatz, Geschäftsführer des Jugendhilfezentrums „Käthe Kollwitz“ in Rehna. „Bis in die Grundschule sind es ja meist Frauen, die die Kinder betreuen.“ Deshalb sei es schön, wenn jemand den männlichen Part übernehme, so Glatz.

„Ich bin in meinem Traumjob angekommen“, sagt Jonny Steinberg aus voller Überzeugung und mit einem breiten Lächeln. „Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, die Ausbildung zum Erzieher zu machen.“