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Groß Thurow Die Wikinger stechen wieder in See

Von kroe | 13.02.2014, 00:00 Uhr

Verein Alte Schule startet in die Saison: Sozial ausgegrenzte Jugendliche arbeiten in Gästehäusern des Vereins und gehen auf Expeditionen

Kein Wasser in Sicht und doch steht ein riesiges Schiff in Groß Thurow. Aufgeladen auf einen Lkw-Anhänger wird die WikThor, der originalgetreue Nachbau eines großen Wikingerschiffes, derzeit auf dem Gelände des Vereins Alte Schule auf Vordermann gebracht. 14 Meter ist die WikThor lang, knapp drei Meter breit und sie wiegt fünf Tonnen. 14 Leute müssen sich in die Riemen legen, um das große Schiff auf Kurs zu halten. Steffen Dahms, einer von drei Skippern, die bei dem Verein angestellt sind, ist zuständig für die Schiffe und sorgt dafür, dass die WikThor für ihren ersten Einsatz des Jahres auf der Itb – der führenden Fachmesse der internationalen Tourismus-Wirtschaft in Berlin – bereit und vorzeigbar ist. Mit dieser Messe beginnt für den Verein und die Jugendlichen, die dort in Maßnahmen tätig sind, der Start in die Saison.

„Zu Spitzenzeiten haben wir mehr als 100 Leute in unseren Maßnahmen gehabt“, sagt Christof Müller vom Verein Alte Schule. Derzeit sind es 20 Jugendliche, die in den kommenden Wochen mit anpacken werden – in den Gästehäusern oder auf den Schiffen. Das Ziel des Vereins: „Sozial ausgegrenzte Jugendliche zu fördern, in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter“, erklärt Müller. „Sie sollen möglichst dicht an den ersten Arbeitsmarkt herangeführt werden – in eine Ausbildung oder eine Stelle.“ Dies geschieht über zwei Wege. Zum einen über die Mitarbeit in den vom Verein betriebenen Jugendgästehäusern. Hier arbeiten die Jugendlichen, bauen Spielgeräte und werden in der Gästeversorgung aktiv. Zum anderen gibt es die Expeditionen mit den Wikingerschiffen. Hier geht es darum, die Welt und Menschen anderer Kulturen kennen zu lernen, neue Erfahrungen zu machen und Selbstbewusstsein zu erlangen.

Auf Zusammenarbeit kommt es an bei den Expeditionen, die der Verein in diesem Jahr wieder durchführen will. Insgesamt 16 Jugendliche haben die Chance, an einer der zwei geplanten Schiffstouren teilzunehmen. Auf den historischen Routen der Wikinger geht es dann auf den neun Meter langen Nachbauten der norwegischen Gokstadfundes in abgelegene Gebiete – von der Ostsee bis ins Schwarze Meer. „Der größte Teil der Strecke muss gerudert werden“, sagt Müller. Das Rudern wird geübt. Mit verbundenen Augen lernen die Jugendlichen, auf die Geräusche zu achten, die den Gleichschlag der Ruder ausmachen: eintauchen, durchziehen, Ruder rausholen. Leise muss es sein, nach dem Vorbild der Nordmänner. Die haben sich beinahe lautlos fortbewegt, erzählt Müller. Das war ihr Vorteil – ihr Überraschungsmoment.

Ein solches Überraschungsmoment erleben auch die Teilnehmer der Expeditionen: An Bord der fünf Wikingerschiffe geht mit den Jugendlichen auch ein Team von Lehrern, Sportlern, Sozialarbeitern und Survivaltrainern. Die Expeditionsteilnehmer lernen eine völlig neue Lebenssituation kennen. Lernen, sich auf die Gruppe zu verlassen, entwickeln Selbstbewusstsein. Bisherige Einstellungen werden oft auf eine harte Probe gestellt – mitten auf den Flüssen Europas. Die Jugendlichen erleben eine Wertewelt abseits des Alltags. Auf den Schiffen werden Werte ganz neu definiert, werden sich hart errudert und erarbeitet. Vor allem aber komme es zunächst darauf an, einmal offen für Neues zu sein, sagt Christof Müller. „Die Jugendlichen kommen so einmal raus. Sie wollen meist immer noch die Kirchturmspitze von zu Hause sehen wenn sie irgendwohin fahren. Auf der Fahrt mit dem Wikingerschiff haben sie die Chance, über den Tellerrand zu schauen.“ Und das komme gut an: „Es gibt einige, die wollen danach nichts mehr von uns wissen und suchen sich Arbeit. Die haben auf der Reise gelernt, dass sie so wie bisher nicht weiterkommen“, so Müller. Das Geld für die Expeditionen kommt über Spenden zusammen. „Es ist jetzt sicher, wir fahren in diesem Jahr auf zwei Touren, das Geld ist zusammengekommen“, verkündet Müller. Eine Fahrt soll nach Bosnien gehen, die andere Tour in die Ukraine. „Wir hoffen, dass sich die Situation dann dort entspannt hat“, sagt Christof Müller. Los gehen soll es zwischen Juli und September – je nachdem, wie sich die Lage in der Ukraine entwickelt.