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Schöffen in NWM Auf der Spur von Justitia

Von Tore Degenkolbe | 01.03.2018, 04:45 Uhr

Der Landkreis sucht Schöffen – Judith Keller erklärt, warum sich das Ehrenamt als Richter aus dem Volk lohnt

Hin und wieder braucht Justitia Hilfe – im deutschen Rechtssystem unter anderem von Schöffen. Das sind ehrenamtliche Richter, die in der Regel für fünf Jahre einem hauptberuflichen Richter beistehen. Gestern endete der Bewerbungszeitraum für die nächste Wahlperiode. Schulsozialarbeiterin Judith Keller, selbst Jugendschöffin, gibt einen Blick auf das Wirken des Ehrenamtes.

„Als Jugendschöffe unterstützt man zu zweit einen ehrenamtlichen Richter, in meinem Fall in Jugendstrafverfahren vor dem Gericht“, erklärt die Klein Salitzerin. Dabei muss man – obwohl die eigene Stimme ebenso gewichtig ist, wie die des studierten Richters – keine Kenntnisse in Jura nachweisen. „Bei der Gerichtsarbeit vertreten wir die emotionale Seite, während der Richter die Paragrafen vor Augen hat“, so Judith Keller. Daneben repräsentiert der Schöffe den „Willen des Volkes“ vor Gericht, denn der Schöffe kommt direkt aus dem Volk. „Ich habe hier schon Schöffen aus allen Berufsgruppen kennengelernt, zum Beispiel einen Postboten“, erinnert sich die Schulsozialarbeiterin. Die ehrenamtlichen Richter stellen somit den demokratischen Grundsatz „Alle Macht geht vom Volke aus“ dar. „Klar ist es ein Ehrenamt, aber es hat auch etwas mit Demokratie zu tun, wenn der Bürger mitentscheiden kann“, sagt Judith Keller.

Dabei ist der Zeitaufwand laut der Schulsozialarbeiterin sehr gering. „In den knapp zehn Jahren, die ich es jetzt mache, habe ich vielleicht zwölf oder maximal 15 Verhandlungen beigewohnt.“ Mehr als ein Fall pro Jahr sei eher die Ausnahme, berichtet Judith Keller. Und auch da ist der Zeitaufwand gering. „Meist geht es um 9 Uhr los und endet gegen 14 Uhr. Dass eine Verhandlung mehr als einen Tag dauerte, habe ich erst einmal erlebt.“

Bei den Verhandlungen selbst sitzt sie direkt an der Seite des Richters und erlebt das Verfahren hautnah. Auch kann ein Schöffe den Zeugen sowie dem Beschuldigten Fragen stellen, Rücksprache mit dem Staatsanwalt und der Verteidigung halten. Damit hat Judith Keller gute Erfahrungen. „Das Verfahren wird erst eröffnet, wenn der Staatsanwalt alles gründlich recherchiert hat.“ Am Ende ziehen sich der Richter und seine zwei Schöffen zurück. Bei der Beratung zum Urteil zählt jede Stimme gleich.

Einen finanziellen Verlust gibt es keinen und Arbeitgeber sind dazu verpflichtet, jemanden für den Schöffendienst freizustellen. „Fahrtkosten und Aufwandsentschädigung gibt es auch – also kein Grund, nicht mitzumachen“, so die 53-Jährige.

Wer sich als Jugendschöffe engagieren möchte, sollte vor allem Empathie besitzen, ebenso wie eine gute Selbstreflexion. „Man lernt zwar das Rechtssystem gut kennen, aber manchmal kann man schon echt wütend werden“, sagt die Jugendschöffin. Besonders dann, wenn es um Gewalt oder gar sexuelle Übergriffe geht. „Dann muss man sich die Geschichte anhören und möglichst objektiv entscheiden.“ Denn solche Fälle gebe es neben Diebstahl oder Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz – also Drogen – auch.

Wichtig sei, sich im Bereich des Jugendstrafvollzugs daran zu erinnern, dass es hierbei mehr um Erziehung als um Strafe gehe. „Wenn man jemanden, der noch jung ist, aber etwas schlimmes getan hat, für fünf Jahre ins Gefängnis steckt, ist die Chance, dass er rehabilitiert wird, gering. Da wäre vielleicht eine strenge Bewährungsstrafe die bessere Wahl“, so Judith Keller. Sie jedenfalls wolle dieses Ehrenamt nicht missen.