Nach Brandanschlag in Jamel : Zwischen Unterstützung und Angst

Von der Scheune der Lohmeyers steht nichts mehr. Was an dieser Stelle entstehen soll, wissen sie noch nicht.
1 von 2
Von der Scheune der Lohmeyers steht nichts mehr. Was an dieser Stelle entstehen soll, wissen sie noch nicht.

Auf dem Hof der Familie Lohmeyer beginnt heute das Forstrock-Festival. Hilfe kommt von überall, aber es gibt auch Absagen

von
28. August 2015, 06:00 Uhr

Nun ist der Blick auf die Nachbarn frei. Wer will das schon? Naja, sagt Horst Lohmeyer, wir sollten etwas schnell Wachsendes pflanzen.

Vor zwei Wochen ist die Scheune von Birgit und Horst Lohmeyer abgebrannt. Ein Sachverständiger fand Brandbeschleuniger am Tatort und bestätigte den Verdacht – es war ein Anschlag (wir berichteten).

Seitdem kann sich das Ehepaar vor Hilfsangeboten kaum retten, ihr heute beginnendes Forstrock-Festival steuert auf einen Besucherrekord zu und keiner ihrer Feriengäste hat nach dem Anschlag die Buchung storniert. Seitdem patrouilliert aber auch die Polizei im Stundentakt durchs Dorf, abends steht ein Streifenwagen vor dem Forsthaus. „Das ist schon hilfreich“, sagt Birgit Lohmeyer. Mehr Polizei gleich mehr Sicherheit für die Nazigegner.

Das Ehepaar ist einiges von seinen Nachbarn gewöhnt. Bedrohungen, Beleidigungen, tote Ratten im Briefkasten, zerstochene Autoreifen. Als sie vor zehn Jahren in das Dörfchen zogen, begannen die Neonazis daraus eine „Mustersiedlung“ zu machen. Der bekennende Neonazi Sven Krüger kaufte Häuser auf und siedelte seine Gesinnungsgenossen an. Dem antworteten Birgit und Horst Lohmeyer 2007 mit „Forstrock – Festival für Demokratie und Toleranz“. Die Veranstaltung wuchs und wird in diesem Jahr wohl 1000 Gäste begrüßen, es wäre ein neuer Rekord. „Es sieht danach aus“, sagt Birgit Lohmeyer. Die Resonanz aus dem ganzen Land sei überwältigend. Nicht nur das wird in diesem Jahr anders sein. Denn ausgerechnet hier in Jamel, dem verschrieenen „Nazi-Dorf“, ehrt die Baugewerkschaft sie mit dem Georg-Leber-Preis für Zivilcourage. „Das ist auch ein Zeichen für die Region“, sagt Birgit Lohmeyer.

Nach dem Brandanschlag ist die Resonanz auch aus der Politik groß. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig hat ihr Kommen angekündigt, der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder hat sich geäußert, Erwin Sellering bemüht sich um Engagement. Der Ministerpräsident war zwei Jahre Schirmherr des Forstrocks. In dieser Zeit hat er das Festival aber nicht einmal besucht. „Eine Schirmherrschaft ist nicht zwingend an das Erscheinen des Ministerpräsidenten gekoppelt“, sagt Regierungssprecher Andreas Timm. „In diesem Jahr sei aber eine besondere Unterstützung wichtig.“ Deshalb wird Sellering morgen Abend seinen ersten Forstrock erleben.

Sellering hat in der vergangenen Woche gemeinsam mit Silvia Bretschneider, der Landtagspräsidentin und derzeitigen Schirmherrin des Festivals, einen Spendenaufruf zum Wiederaufbau der Scheune ins Leben gerufen. Das Problem: Ob die Scheune wieder aufgebaut werden soll, wissen die Lohmeyers noch gar nicht. Sie haben jetzt erst einmal ein paar tausend Euro für die Räumung der Brandruine bezahlt. Regierungssprecher Timm relativiert. Es gehe nicht um den originalgetreuen Wiederaufbau der Scheune, sondern dass an dieser Stelle überhaupt wieder etwas entstehen kann.

Aus den verkohlten Eichenbalken will ein befreundeter Künstler übrigens ein Mahnmal zur Erinnerung an die Brandnacht vom 13. August schaffen.

Dass der Alltag in Jamel mühsam bleibt, deutet sich an. Auf der Suche nach einem Glaser, der die zersprungenen Scheiben im Obergeschoss ersetzt, gab es vor allem eines – Absagen. „Wir haben die unterschiedlichsten Gründe gehört“, sagt Birgit Lohmeyer. „In der Masse ist das schon eigenartig.“ Nun kommt ein Handwerker aus Schleswig-Holstein.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen