Dechow : Zuhören war ansteckend

Poet Philipp Scharrenberg „zauberte“ mit Worten, Gesten, Mimik und Geräuschen auf der Dorfbühne Dechow.
Poet Philipp Scharrenberg „zauberte“ mit Worten, Gesten, Mimik und Geräuschen auf der Dorfbühne Dechow.

Der „Poetry Slam“-Künstler Philipp Scharrenberg behauptete in Dechow: „Germanistik ist heilbar“

svz.de von
05. März 2018, 05:00 Uhr

Philipp Scharrenberg noch einmal zu treffen, das hatte sich das Stammpublikum der Kulturtage Dechow gewünscht, seitdem es den gebürtigen Rheinländer 2015 unter seinem damaligen Künstlernamen „Scharri“ erlebte. Zum Auftakt der inzwischen 14. Dechower Gastspielsaison kam er – der mittlerweile zweimalige Champion vom Poetry Slam – ein Poesiewettstreit – im deutschsprachigen Raum – am Sonnabendabend nun tatsächlich wieder auf die einzigartige nordwestmecklenburger Dorfbühne und zwar direkt aus seiner Wahlheimat München.

Dabei sei Philipp Scharrenberg doch in Bonn am Rhein geboren, aufgewachsen und auch zur Schule gegangen, verrät unter anderem eine freien Enzyklopädie im Netz. Jenes „allwissende“ Internet merkt zudem an, dass auch andere Berühmtheiten wie Elke Heidenreich, Bastian Pastewka und Bernhard Hoëcker das Bonner Clara-Schumann-Gymnasium absolviert hätten, wie eben er. Ein Schelm, wer da Zusammenhänge zu erkennen meint!

Der studierte Germanist Scharrenberg jedenfalls versteht sich mit seiner Leidenschaft für die deutsche Sprache sehr wohl als „Randerscheinung der gegenwärtigen Gesellschaft“, sprich: Nerd oder vielmehr „Germanerd“. Und der Germanerd sei nun mal „der Nerd unter den Nerds“ hierzulande, machte der Künstler im verschneiten Dechow gleich zu Beginn seines mehr als zweistündigen Programms klar. Das Publikum hielt trotzdem aus im restlos gefüllten Saal.
Was jedoch die im Titel aufgestellte Behauptung „Germanistik ist heilbar“ betraf, so nährte allein schon das Zuhören gelinde Zweifel daran, zumal Scharrenbergs virtuose Sprachspiel-Akrobatik bei seiner Zuhörerschaft immer wieder Saiten anriss, die mancher womöglich tief in seinem Innern für längst verklungen hielt.

Oder hätten Sie geahnt, dass ein Germanist seine eigenen Reime auch noch interpretieren könne?! „Was will uns der Künstler damit sagen? Grüße vom lyrischen Ich. Geil, wa!“, meinte Philipp Scharrenberg in seinem programmatischen Germanisten-Rap, um kurz darauf anhand einer imaginären Zeitreise nach 2070 glasklar zu folgern: „Das Buch hat eine Zukunft.“ Als Beispiel stellte er sogleich „Die Bibel“ vor, und zwar in der Digitalversion „Christ-Kindle“ sogar „deluxe mit 12 Geboten – zwei als Bonus“. Vorbeugend demonstrierte der Kabarettist an seinen Klavier schon mal, wie ein Leser heutzutage seinen „analogen e-bookreader“ in der Öffentlichkeit ganz unverfänglich handhaben könne.

Ähnlich bildhaft und pointiert wie seine Worte wusste Scharrenberg auch seine wandelbare Stimme und Körpersprache einzusetzen, so dass auf der abgedunkelten Bühne zeitweise ein ganzes Ensemble zu agieren schien. Zumal der einfallsreiche Einzelkämpfer auch durchaus mit dem Echo seines Publikums zu spielen und obendrein genial vorbereitete Hörspiel- und Geräuschsequenzen punktgenau einzuspielen verstand – etwa bei seinen anschaulichen und durchaus persönlichen Belegen, wie Medienkonsum Kinder beeinflusst.

Nach der Pause und „entspannenden Walgesängen“ widmete sich der Slampoet auf seine ganz eigene Art dem durchaus philosophischen Thema „Essen“ als „eingefleischter Vegetarier“ mit für sich sprechenden Speisekarten-Zitaten wie „vegetarisches Gemüse“ oder der Erkenntnis „Fastfood ist doch nur fast Food“. Anschließend zelebrierte Philipp Scharrenberg die durchaus existenzielle Frage nach der Balance zwischen dem Ich und der Gesellschaft als „Herausforderung zum Indivi-Duell“ und gipfelte in den Stoßseufzer, er sei „saufroh, dass ich heute nicht mehr aufwachsen muss.“

Dessen ungeachtet sezierte der „studierte Germanist mit Philosophie im Nebenfach“ mit unverkennbarem Genuss „Sekundärliteraten“, deren Werke keineswegs „innerhalb von Sekunden durchgelesen sind“ und beantwortete glühende Fanpost schon mal mit Formulierungen wie „in mein Liebesnest kommst Du nur mit PISA-Test“ oder der unschuldigen Frage „Kann den Liebe Syntax sein?“.

Bevor allerdings sein Dechower Publikum mit nicht enden wollendem Beifall um Zugaben heischen konnte, bot Slampoet Scharrenberg von sich aus Kostproben seiner anderen Bühnenprogramme, darunter „Einhornglitzer – ein Text zur Lage der Nation“ oder „Das lustigste Lebensmittel: Toffifee - eine Gutenachtgeschichte“, was letztlich allen Beteiligten ein Hochgefühl hinterließ. Sichtlich gerührt nahm Philipp Scharrenberg dann auch noch das süße Abschiedsgeschenk von Gastgeberin Irmgard von Puttkamer entgegen.


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