Insel Poel : Zarte Hände für grobe Planken

Erste große Bewährungsprobe im Frühjahr 2014 beim Auftakeln der „Atalanta“ bei Sturm und Regen. Mit 18 Jahren meistert Sophie den Kletterakt über das Netz zum Klüverbaum.
Erste große Bewährungsprobe im Frühjahr 2014 beim Auftakeln der „Atalanta“ bei Sturm und Regen. Mit 18 Jahren meistert Sophie den Kletterakt über das Netz zum Klüverbaum.

Die 18-jährige Seglerin Sophie Scharnweber erlernt auf der Insel Poel das Bootsbauhandwerk

svz.de von
18. September 2015, 00:51 Uhr

Schrill und in hohen Tönen kreischt die Bandsäge. Das Endlosblatt wird diesmal besonders strapaziert, denn es muss sich durch gut acht Zentimeter starkes Eichenholz fressen. Am Sägetisch Sophie Scharnweber, auszubildende Bootsbauerin, inzwischen hat sie das zweite Ausbildungsjahr begonnen und ist die einzige Weiblichkeit der sechsköpfigen Belegschaft. Gefühlvoll, sicher und vor allem exakt maßhaltig dirigieren ihre eher zarten Hände das wuchtige und schwere Material. Wenig später ist ein Spant ausgeschnitten. Es ist ein weiteres Teil, das morsches Material in einem betagten Holzboot ersetzt.

„Man muss noch nicht gleich alles können, doch das, was sie anpackt, macht sie schon sehr gut“, lautet das Urteil ihres Chefs, Ralf Asmus. Das Lob hat die Wirkung nicht verfehlt, denn über das Gesicht der jungen Frau huscht ein leichtes, freundliches Lächeln: „Natürlich habe ich mir vom ersten Moment an Mühe gegeben.“ Letztendlich ist es so etwas wie eine besondere Herausforderung gegenüber dem Männerteam.

Genau dort, wo es am Ende der Kirchsee nach Schlick und häufig nach frischer Farbe und Teer riecht, wo die verschiedensten Kutter oder Freizeitschiffe auf der Poeler Bootswerft auf eine Reparatur warten, ist für die 18-jährige der Berufswunsch in Erfüllung gegangen. Und dies, obwohl Bootsbaumeister Asmus die Wahl zwischen ihr und mehreren männlichen Bewerbern hatte, die allesamt wegen eines Ausbildungsplatzes bei ihm anklopften. Ein vorausgegangenes Praktikum bei den Poeler Bootsbauern erwies sich zudem als vorteilhaft. Nicht nur, um die späteren beruflichen Anforderungen auszuloten, sondern ebenso, ob die Chemie untereinander stimmt.

Als es dann mit dem Ausbildungsplatz klappte, war die gebürtige Dömitzerin richtig aus dem Häuschen: „Das war ein tolles Glücksgefühl und ich konnte es zunächst kaum fassen.“ So heißt ihr Fazit bereits jetzt: „Für mich ist und bleibt es der Traumberuf, für den ich mich nicht klein kriegen lasse, ungeachtet der insgesamt dreieinhalb Jahre Ausbildungszeit.“ Und da wird ihr noch so einiges abverlangt. Ständiger Wechsel von Theorie und Praxis an der bundesweiten Ausbildungsbasis auf dem Travemünder Priwall plus zusätzlicher, überbetrieblicher Lehrgänge.

Dass in der Ausbildung vor Ort auf Poel weiterhin der klassische Holzbootsbau besonders dominiert, scheint genau ihren Geschmack zu treffen. Denn seit einigen Jahren ist sie leidenschaftliche Oldtimer-Seglerin, dank ihrer Eltern. Die engagieren sich seit Jahren für Betrieb und Erhalt des Wismarer Traditionsseglers „Atalanta“. „Da wurden wir als Kinder immer mitgeschleppt, aber gleichzeitig sehr freundlich von der Crew aufgenommen und betreut“, erinnert sich die zukünftige Bootsbauerin. Mit den Jahren verfestigten sich bei ihr Leidenschaft und Interesse für diesen betagten Traditionssegler und seine besondere Geschichte und so fand sich der Weg zum aktiven Crewmitglied.

Dabei denkt Sophie Scharnweber sogar schon mal etwas in die fernere Zukunft: „Warum sich nach der Lehre nicht mal etwas in der Welt umschauen, ähnlich wie bei der Wanderschaft und das mit dem Beruf verbinden, wäre nicht schlecht.“ Es gibt schließlich noch etliche große und echte Windjammer mit weiblichen Crewmitgliedern. Warum sollte da nicht auch Platz für eine Schiffszimmermanns-Frau mit Traditionssegler-Erfahrung sein?

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