Wismar : Weiss fordert mehr Flüchtlingshilfe

Landrätin Kerstin Weiss über Herausforderung der Flüchtlingskrise und Vorteile für den Nordwestkreis durch die neuen Einwohner

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04. September 2015, 23:38 Uhr

Am Rande Europas spielen sich dramatische Szenen ab. Kriege, Terror, Armut treiben viele Menschen aus ihrer Heimat. 800 000 Asylbewerber werden in Deutschland in diesem Jahr erwartet. Redakteurin Manja Nowitzki sprach mit Landrätin Kerstin Weiss über Chancen und Probleme dieser Entwicklung für den Nordwestkreis, der in diesem Jahr noch mindestens 218 Flüchtlinge aufnehmen wird.


Warum gestaltet sich die Unterbringung von Flüchtlingen und Asylbewerbern in Nordwestmecklenburg so schwierig?

Die steigenden Zahlen der Asylbewerber und Flüchtlinge stellen alle Verwaltungsebenen vor neue Herausforderungen, so auch unseren Landkreis. Bis zum Herbst 2014 war die Unterbringung der Asylbewerber und Flüchtlinge im Kreis klar geregelt. Sie erfolgte zentral in der Haffburg in Wismar, bis die Verfahren für den Einzelnen abgeschlossen waren. Seit Herbst 2014 steigen jedoch die Zahlen der Personen, die dem Landkreis zugewiesen werden , kontinuierlich an und die zentrale Unterkunftsanlage Haffburg ist von der Kapazität her nicht mehr ausreichend. Sie ist derzeit mit 321 dort lebenden Menschen voll ausgelastet.

Der Landkreis entschied sich dann dafür, keine weitere zentrale Unterkunft einzurichten und die Personen dezentral, also in Wohnungen im Kreisgebiet unterzubringen. Derzeit werden 442 Menschen in 107 Wohnungen dezentral untergebracht.

Gleichwohl hat sich die Prognose der Zugänge für 2015 zwischenzeitlich mehr als verdoppelt und die Verwaltung musste das Tempo, in dem Wohnungen zu finden sind, erhöhen. Ein kleiner Wermutstropfen: Nicht alle Ämter und Gemeinden sind bei der Aufnahme von Flüchtlingen gleich aktiv. Wir haben Gemeinden und Ämter, die uns bei der Wohnungssuche am freien Markt zuarbeiten und wir haben ‚weiße Flecken‘ im Landkreis.

Nach welchen Kriterien wählt der Landkreis Orte aus, in den Wohnungen angemietet werden?

Zu Beginn der Flüchtlingswelle haben wir für unterzubringende Familien Wohnungen in Orten mit Einkaufsmöglichkeiten, Schulen, Kitas und medizinischer Versorgung vor Ort ausgewählt. Diese Kriterien in Zukunft immer einzuhalten wird schwierig.

Junge, alleinstehende, vorwiegend männliche Flüchtlinge haben wir auch schon jetzt im ländlichen Bereich untergebracht. Wir haben darüber hinaus nach Ethnien und Religionsgemeinschaften unterschieden, um ein friedvolles Miteinander zu ermöglichen.

Wie lange im Voraus werden Sie über die Ankunft von neuen Flüchtlingen informiert?

Aufgrund der gestiegenen Zahlen ist die angestrebte Vorankündigungsfrist von 14 Tagen seit mehreren Wochen nicht mehr zu halten. Die Zuweisungen binnen einer Frist von nur einigen Tagen sind keine Seltenheit. Um das mal zu verdeutlichen: Sprachen wir in den vergangenen Monaten von 50 bis 60 Zuweisungen pro Monat, waren es im August 158 Zuweisungen für den Landkreis.

Wie finanziert der Landkreis die Kosten für die Versorgung und Unterbringung von Flüchtlingen und Asylbewerbern?

Refinanziert werden zu 100 Prozent alle Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz vom Land. Das sind Sachleistungen, wie Kosten der Unterkunft, d. h. Miete, Strom, Gas, Warmwasser, Möblierung der Wohnungen und Geldleistungen wie Taschengeld. Zudem die Erstausstattung für die Wohnungen, die entsprechend der Gemeinschaftsunterkunftsverordnung erfolgt. Plus die Personalkosten aller Sozialarbeiter in der zentralen und dezentralen Unterbringung und sämtliche Ausgaben für das Asylbewerberheim inklusive Wachschutz.

Die bislang ungedeckten Kosten für zusätzliches Verwaltungspersonal in der Ausländerbehörde und im Bereich Soziales, für die zusätzlichen Kita- und Schülerbeförderungskosten und die Kosten für die Integrationslotsen werden durch zusätzliche Mittel, die das Land erhält, bezahlt.

Bei der Betreuung fehlt Personal. Derzeit gibt es drei Sozialarbeiter, die sich um Flüchtlinge im ganzen Kreis kümmern. Wollen Sie an dieser Stelle aufstocken bzw. woran ist das bislang scheitert?

Derzeit sind in der zentralen Unterkunft sieben Sozialarbeiter und in der dezentralen Unterbringung drei Sozialarbeiter tätig. Zwei weitere Ausschreibungen für Sozialarbeiter in der dezentralen Unterbringung sind beauftragt. Eine sechste Stelle streben wir an.

Um Defizite vorübergehend abzudecken, haben wir interne Regelungen getroffen, so zum Beispiel Anordnung von Überstunden und Einstellungen eines ehemaligen Mitarbeiters, der schon Rentner war auf Honorarbasis und die Abstellung einer Sozialarbeiterin aus dem Allgemeinen Sozialen Dienst in die dezentrale Betreuung.

Aber wir brauchen erst eine bestimmte Anzahl von Asylbewerbern bis wir einen neuen Sozialarbeiter einstellen können. Das dauert.

Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen. Wie kann der Kreis den Asylbewerbern, die bleiben dürfen, helfen, sich hier niederzulassen?

Zuerst einmal: Die Thematik Asylbewerber ist für uns nicht neu. Nur dieser erhebliche Zuwachs war so nicht abzusehen.

Wir wissen, dass wir Fachkräfte brauchen. Wir sind da unterversorgt und versuchen, auf allen Ebenen gegenzusteuern. Asylbewerber, die herkommen und sich eine Existenz aufbauen wollen, die wollen natürlich arbeiten. Es ist ja nicht so, dass wir sie nicht brauchen. Ganz im Gegenteil.

Aber die Bandbreite derer, die zu uns kommen, ist groß. Wir haben Ärzte, Krankenschwestern, also gut ausgebildetes Fachpersonal. Auf der anderen Seite kommen aber auch Analphabeten. Wir müssen versuchen, die, die eine Ausbildung haben, zu vermitteln und sie in Nordwestmecklenburg zu halten. Dafür muss die Sprachbarriere überwunden werden. Die, die keine Ausbildung haben, müssen eine erhalten. Ich denke aber, das ist eine Chance. In Mecklenburg-Vorpommern steigt die Einwohnerzahl wieder, allein aufgrund der Tatsache, dass wir Menschen unterschiedlicher Nationalität aufgenommen haben. Das trägt dazu bei, dass der Fachkräftemangel und die demographische Entwicklung gestoppt werden.







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