Gadebusch : Wege aus der Drogensucht

Dr. Willem Hamdorf im Gespräch mit Therapeut Dirk Lauermann auf dem Klinikareal.
Dr. Willem Hamdorf im Gespräch mit Therapeut Dirk Lauermann auf dem Klinikareal.

Er ist der liebe nette Junge von nebenan, aufgeschlossen und freundlich. Ein 19-Jähriger erzählt vom Leben als Drogenhändler und seiner verlorenen Zeit.

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29. September 2015, 23:32 Uhr

„Wenn Du an der Straße stehst, die Autos langsam an Dir vorbeifahren, kribbelt es in den Händen. Du bekommst Lust, den Stoff zu vertickern“ - es ist der Reiz, abseits der gesellschaftlichen Werte nach Anerkennung zu streben, der Mike*, 19 Jahre, seit seinem 13. Lebensjahr antreibt und ihn ins Drogenmilieu zog.

Auffälligkeiten sind nicht zu entdecken. Mike ist der liebe nette Junge von nebenan, aufgeschlossen und freundlich – heute allerdings um eine wichtige Erkenntnis reicher: „Die Drogen verändern dein Leben.“

Mike ist einer von aktuell 65 Patienten, die in der AHG Klinik Vitense eine Rehabilitation durchlaufen. Sie wollen dem Drogenmilieu den Rücken kehren. „Unser Haus besteht seit 20 Jahren und ist auf Konsumenten illegaler Drogen im Einzugsbereich Norddeutschland spezialisiert“, sagt Dr. Willem Hamdorf. Dazu gehören Aufputschmittel wie Speed, Cannabis (Haschisch) oder Crystal, was Müdigkeit unterdrückt und im Ergebnis zu Psychosen und Paranoia führt.

Seite 2012 ist Dr. Willem Hamdorf Chefarzt des Hauses und kennt Lebenswege, wie die von Mike mehrfach. „Heute liegt das Einstiegsalter bei 12 bis 13 Jahren. Nicht selten sind Drogen wie Cannabis und Crystal auf Partys, Schulhöfen und Berufsschulen erhältlich“, sagt Hamdorf. Zur Konsumentengruppe gehörten zudem junge Erwachsene, die ihre Leistungsfähigkeit mit Aufputschmitteln steigern wollten und dabei in die Abhängigkeit geraten. Allerdings hat das Gefühl der ständigen Leistungsfähigkeit einen hohen Preis: „Der vermeintlichen Leistungsfähigkeit folgen Ausfall und Krankheiten“, so Hamdorf.

Den Weg aus der Abhängigkeit, den zeigen die 40 Mitarbeiter seines Haues. Psychologen, Betreuer, die den Betroffenen mit einer Tagesstruktur wieder Halt geben wollen. Hamdorf: „Die Quote ist gut. Zirka ein Drittel ist erfolgreich, ein weiteres Drittel wird rückfällig und schafft dann den Absprung, das verbleibende Drittel wird erneut rückfällig.“ Ein Klinikaufenthalt in Vitense zieht sich zirka ein halbes Jahr hin. „Eine lange Zeit, die es zu akzeptieren gilt“, sagt auch Mike.

Der junge Mann wollte anfangs abbrechen, ist geblieben und nun stolz darauf durchzuhalten. Dieses Gefühl will er mit seiner Familie teilen, wenn in wenigen Tagen der erste Besuch ansteht. Sechs Jahre nach seinem Einstieg in die Drogenwelt will er einen Neuanfang.

„Mit 13 Jahren rauchte ich das erste mal ,Gras‘, mit 14 bereits regelmäßig“, erzählt Mike. Es sei anfangs aufregend gewesen, andere Dinge zu tun als Gleichaltrige. Aber Cannabis habe ihm nicht das gegeben, was er gebraucht habe. „Der Konsum steigt ständig. Mit 16 kamen chemische Drogen wie Speed hinzu“, sagt der 19-Jährige. Damals ging er noch aufs Gymnasium, brach ab, wechselte zur Realschule. „Die habe ich mit gut bestanden“, erzählt er.

An die gut behütete Kindheit, vom festen Familiengefüge - Vater im Staatsdienst, Mutter in der Betreuung von Menschen tätig - wollte der junge Mann aus einem kleinen Ort auf dem Darß nichts wissen. Gab es Spannungen wich er aus, blieb weg oder kam irgendwann in der Nacht zum Duschen nach Hause. „Wenn Du so lebst, dann ändert sich dein Bekanntenkreis komplett. Alte Kontakte gibt es nicht mehr, stattdessen sind die neuen ,Freunde‘ zehn Jahre älter.“ Wenn die Gruppe gut drauf sein wollte, wurde Geld gesammelt, fuhr einer aus der Runde nach Rostock, um Stoff zu besorgen.“ Bis zu 1000 Euro habe er im Monat gebraucht. „Geld, was ich mit dem Verkauf von Drogen verdiente. Anfangs hast du 200 Euro, dann kaufst und verkaufst du das Zeug wieder und wieder, bis du ausreichend verdient hast.“

In der 10. Klasse wollen ihn Mitschüler stoppen, melden den Vorfall einigen Lehrern und der Polizei. Die Beamten kontrollieren die Schultasche, sichern größere Mengen Bargeld und Drogen sowie eine Waage. „Ich konnte froh sein, dass ich nicht von der Schule geflogen bin“, sagt Mike.

Der Tiefpunkt folgt. Mit 17 kehrt er dem Elternhaus den Rücken, geht ins Internat nach Greifswald, fliegt dort raus, gerät erneut in die falschen Kreise. Drogengeschäfte in einer der „Hochburgen des Drogenhandels“ folgten, wie er sagt. Sein eigentlicher Wunsch, Betreuer behinderter Menschen zu werden verblasst unter dem Einfluss von Cannabis und Speed.

Der Rausschmiss aus seiner Wohnung und der Verlust der Ausbildung folgen nach einem erneuten Besuch durch die Polizei. Geld, Zukunft, Freunde – alles ging verloren. Allein saß Mike in irgendeiner Unterkunft in Greifwald, kreisten seine Gedanken um seine Zukunft, bis er mit Sack und Pack bei den Eltern vor der Tür stand.

Schwarzarbeit und Geld stehlen, stehen zur Beschaffung von Drogen weiter auf dem Tagesplan. An irgend einem Tag reift der Gedanke, eine Entziehung einzuleiten. „Das war im Sommer 2014. Einmal in der Woche reichte aber nicht. Somit bin ich seit August in Vitense“, sagt der 19-Jährige. Seither bestimmen Therapiegespräche und Sport seinen Tagesrhythmus. An seinem Traumjob mit Behinderten wolle er festhalten. Wie und wann, das stehe noch nicht fest, aber das Ziel.

An diesem Weg, wollen Dr. Willem Hamdorf und sein Team der AHG Klinik mitwirken: „Entscheidend ist die Entwicklung einer gesunden Lebenseinstellung.“ Die Klinik in Vitense gehört mit ihren 20 Jahren Erfahrung zu den wenigen Einrichtungen, die auch Eltern und Müttern mit Kindern Hilfe bieten. Jetzt feierte das Haus mit Fachvorträgen und Diskussionsrunden im Bahnhof von Rehna das 20-jährige Bestehen.

 
*Mike Name v. d. Redaktion. geändert

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