Utecht/ Gross Grönau : Weben mit und aus der Natur

Diese verschiedenen Webketten hat Ingelies Gaertner an ein Schwemmholz aus dem Schweriner See gewebt.
Diese verschiedenen Webketten hat Ingelies Gaertner an ein Schwemmholz aus dem Schweriner See gewebt.

Seit 35 Jahren webt Ingelies Gaertner, wie es um 4000 vor Christus praktiziert wurde – Ihre Werke sind in Utecht zu sehen

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07. August 2019, 12:00 Uhr

Ihre Webketten sind kleine Kunstwerke. Moose und Flechten sind darin verwoben. Lochsteine, Federn, Wurzeln, Fischerreusen und Schwemmhölzer. Alles Naturmaterialien, gesammelt in den Wiesen, an den Mooren und Seen rundum Lauenburg und an der Ostsee. Vorgeschichtliches Weben nennt sich das, was Ingelies Gaerner seit 35 Jahren macht und was noch bis Sonntag zu „Dörfer zeigen Kunst“ in Utecht zu bewundern ist.

„Es ist eine Rückführung auf das ursprüngliche Weben, als die Menschen in Zweige und Astgabeln gewebt haben“, erklärt die 78-Jährige. Sie stieß in den 1980er Jahren durch Zufall auf diese Webform – bei einem Vortrag von der prähistorischen Weberin Edith Schaar in Lübeck. Diese hatte die Webkunst in Südamerika kennen gelernt und in Deutschland wieder belebt. „Von ihr habe ich die Grundhandgriffe gelernt“, sagt sie.

Die gelernte Buchhändlerin befand sich zu der Zeit in der Selbstfindung. Ihr hochgeistiger Beruf mit Text, „das war zu Ende“, erzählt sie. „Ich musste das Grundsätzliche finden.“ Und das fand sie in Textilien und in der Natur. Fast täglich ist sie nun draußen, am liebsten im Salemer Moor, und sammelt Materialien für ihre Webketten. Sie arbeitet nicht am Webstuhl, sondern an selbst gebauten Hochrahmen. Alles reine Handarbeit.

„Die Kette ist offen, durchlässig und beweglich“, das mache auch sie offener – für Kreativität und neue Ausdrucksformen, aber auch im Geist. „Man stößt auf die Probleme der Menschen, diese furchtbare Zerrissenheit“, erklärt sie. Vor allem in ihrer Generation erlebe sie dies: Viele sind Kriegskinder, litten unter der Teilung Deutschlands. Mit ihrer Webkunst möchte sie die Zusammenhänge wiederherstellen und die Teile wortwörtlich vernetzen. Nonverbal. Ihre Kunstwerke sollen zum Nachsinnen und Meditieren darüber anregen, wir wir anders leben können.

Auch sie selbst arbeitet so ihre Geschichte auf: Ihr Vater kommt aus Bad Doberan, doch durch die Mauer hatte sie nie die Familie väterlicherseits kennen gelernt. Nur nach der Grenzöffnung eine Cousine. Zugleich ist es ihre Strategie, zu Stille und Zeit zu finden sowie „die unfassbaren Dinge, die wir mit der Natur machen“ zu verarbeiten. Als Beispiel nennt sie die vertriebenen Nachtigallen in Lauenburg.

Und mit ihrer Kunst trifft sie den Nerv der Zeit: Sie stellte bereits in München, Hamburg, Lübeck und Soltau aus sowie regelmäßig zu „Dörfer zeigen Kunst“. In diesem Jahr erstmals in Utecht. Auch, um mit ihren Vorfahren etwas mehr verbunden zu sein und „die Landschaft ist so schön.“

Zuvor lud sie traditionell zum Kultursommer am Kanal zu einem Vortrag in ihre Webstube. Regelmäßig hat sie dort Besuch, und führt „tiefe, ruhige Arbeitsgespräche und philosophische Betrachtungen“. Zudem bietet sie Fünf-Tages- oder Wochenendkurse an: zum Weben und Selbstfinden. Gemeinsam gehen sie in die Natur und schlafen dort auch unter freiem Himmel. Und sie gibt nicht nur ihr Wissen weiter, sondern auch ihre Kunst. Sie verrät: „In Einhaus hängt mein Lebenswerk.“ Bald soll es eine Galerie mit Ilka Dankert und ihren gewebten Astgabeln in Güster geben.

Hintergrund

Überlebenskunst

Um 4000 v. Chr. trugen die Menschen nicht nur Tierfelle, sondern auch Gewänder aus Naturfasern wie Lindenbast, Reisig, Schilf oder Brennnessel. „Die vergessene Anfangstat der Frauen“ nennt es Ingelies Gaertner. Beweise für vorgeschichtliches Weben in Europa gibt es wenige, denn die Fasern zerfallen. Nur wenige Kleiderstücke wurden im Moor konserviert. Als die Menschen dann sesshaft wurden, kam der Schritt zur Schafwolle und damit der Schritt zur Kultur. „Von der nackten Überlebenskunst zur Lebenskunst“, findet Gaertner.

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