Grenzöffnung vor 25 Jahren : Von der Pole-Position gen Westen

Der historische Moment: Heute vor 25 Jahre überquerte Hans-Jürgen Hoffmann mit einem Lada die Grenze. Er ist Beifahrer, winkt vor Freude.
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Der historische Moment: Heute vor 25 Jahre überquerte Hans-Jürgen Hoffmann mit einem Lada die Grenze. Er ist Beifahrer, winkt vor Freude.

Hans-Jürgen Hoffmann aus Kneese war der erste, der die Grenze bei Mustin überquerte

Diesen Tag wird Hans-Jürgen Hoffmann (52) nie vergessen – den 12. November 1989. Vor 25 Jahren war der heutige Bürgermeister von Kneese der erste, der die Grenze an der heutigen B 208 zwischen Roggendorf und Mustin überquerte. „Das war unglaublich. Eines der Highlights in meinem Leben. Mir fehlen heute noch die Worte, wenn ich daran denke“, hält Hoffmann kurz inne. Hunderte Leute standen rechts und links der Straße, klatschten, überreichten Geschenke, hatten Tränen in den Augen. „So etwas erlebt man wohl nur alle hundert Jahre.“

Für Hoffmann ging mit dem Fall der Mauer ein Traum in Erfüllung. Der heute 52-Jährige ist in Dutzow, nur 400 Meter von der Grenze, aufgewachsen. Die Kindheit war für ihn trotz aller Einschränkungen die „schönste Zeit“ seines Lebens. Als Jugendlicher habe er aber „oft den Gedanken gehabt, in den Westen abzuhauen.“ Die Sehnsucht an ein freies Leben wurde immer größer. Im Radio liefen Songs der Beatles und der Rolling Stones. Die Hits dieser Stars mal auf Konzerten live zu hören und an die Orte zu reisen, in denen die Leute leben, die die ganze Welt verrückt gemacht haben – für Hoffmann als DDR-Bürger undenkbar. „Das hat mich traurig gemacht“, sagt er.

Hinzu kamen die Veränderungen in Dutzow durch den Eisernen Vorhang. Als Kind war Hoffmann unter dem Zaun noch durchgekrochen, um im Dutzower See zu angeln und zu baden. „Als ich zehn Jahre alt war, ging das nicht mehr. Da war die Grenze so dicht, dass man nicht mehr durch konnte.“ Hoffmann und seine fünf Geschwister mussten jetzt zum Baden an den Röggeliner See nach Dechow. Ein paar Jahre später war sogar der Blick auf den See durch die Mauer versperrt. Und in den 70er Jahren wurde ein Teil von Dutzow dem Erdboden gleich gemacht – das Dorf lag zu dicht an der Grenze. Der Antifaschistische Schutzwall, wie die Grenze im offiziellen Sprachgebrauch genannt wurde, habe ihm „richtig Angst“ gemacht. Auch, weil ein Familienangehöriger Ärger bekommen habe. „Er hatte über die Grenze erzählt.“

Hoffmanns Unmut auf die DDR wuchs von Jahr zu Jahr. Flucht kam für den gelernten Elektroinstallateur aber nicht in Frage. „Ich hätte meine Familie ruiniert. Meine Eltern hätten Haus und Hof verloren – alles.“

Die Grenzöffnung vor 25 Jahren war für Hoffmann „unfassbar“, dennoch fuhren er und seine Frau Ilona nicht gleich in den Westen. „Wir wussten nicht, ob wir wieder zurück durften oder ob wir Ärger mit der Stasi beziehungsweise der Polizei bekommen.“ Zwei Tage warteten die Hoffmanns. Als klar war, dass auch an der B 208 in Mustin die Grenze geöffnet wird, „wollten wir die Ersten sein.“ Hoffmann rief bei einem Freund an, fragte, ob er mit dabei sein will beim historischen Ereignis. Ihre Kinder Martina und Maik brachten Hans-Jürgen und Ilona Hoffmann zu den Großeltern. Der Freund kam am Abend des 11. November nach Kneese. Nur ein paar Stunden Schlaf, dann machte sich das Trio um 4 Uhr auf den gut zehn Kilometer weiten Weg zur Grenze.

Seit etwa 23 Uhr hatten hatten hier Soldaten der Grenztruppen den Metallgitterzaun auf etwa vier Meter Länge durchgeschnitten. Auch einen Erdbunker beseitigten sie. In den frühen Morgenstunden des 12. November begannen die „Grenzer“ damit, die Gräben mit Betonplatten für die Grenzöffnung zu präparieren.

Ilona und Hans-Jürgen Hoffmann erlebten alles hautnah mit, standen nur rund 30 Meter entfernt von der Grenze. Denn ihr Plan ging auf. Sie waren die ersten, standen auf der Pole-Position. Doch gegen 8 Uhr kamen plötzlich einige „Drängler“ aus Richtung Groß Molzahn. Sehr zum Ärger von Hans-Jürgen Hoffmann. „Jetzt haben wir hier die halbe Nacht gewartet und dann stehen die vor uns.“ Der damals 27-Jährige stieg aus dem Auto, sprach mit einem Grenzsoldaten und erklärte ihm: „Schauen sie, wir haben extra einen großen Abstand gehalten, damit die Technik rollen kann. Und jetzt kommen die und stellen sich in den Weg. Das geht doch nicht.“ Das sah der Grenzsoldat offenbar ähnlich. Denn die „Drängler“ mussten sich hinten anstellen. Zur Freude der Hoffmanns, die wieder an Position Eins standen. Hinter ihnen bildete sich mittlerweile eine lange Trabikolonne. Sie alle hatten von der bevor stehenden Grenzöffnung erfahren, wollten unbedingt in den Westen.

Ursprünglich sollte die Grenze in Mustin gegen 8 Uhr geöffnet werden. Doch daraus wurde nichts. Erst fünf Stunden später – um 13.05 Uhr – rollten die Hoffmanns und ihr Freund durch das „Loch im Eisernen Vorhang“ in die Freiheit – im allerersten Auto. Unter dem Jubel hunderter Leute, die rechts und links der B 208 standen, wurden sie auf Lauenburger Seite empfangen. „Es herrschte eine riesige Euphorie“, erinnert sich Hoffmann, dessen Grenzübertritt auf einem Foto verewigt ist. Damals winkte er überglücklich aus dem ersten Auto, das sein Freund fuhr – ein Lada. Aus heutiger Sicht war die Wahl des Autos ein Fehler, schmunzelt Hoffmann. „Denn es sah so aus, als wenn die Stasi als erstes rüberfährt.“

Einem Journalisten von Radio Schleswig-Holstein gab Hoffmann anschließend ein Interview, erklärte ihm, dass er auf dem Weg zu seiner Tante nach Ratzeburg sei. Doch die war – wie sich später herausstellte – gar nicht zu Hause. „Sie hatte an der Grenze in Mustin auf ihren Bruder gewartet“ – auf Hoffmanns Vater also.

Nach der Maueröffnung änderte sich für Hans-Jürgen Hoffmann vieles. Er wechselte den Job, ging als Elektroinstallateur nach Schleswig-Holstein, tauschte seinen 22 Jahre alten Trabi gegen ein Westauto und kaufte sich ein Haus – das, indem er damals zur Miete wohnte.

Hoffmann war bei Konzerten von Michael Jackson, Phil Collins und anderen Stars seiner Jugend, besuchte viele Musicals. Und dank der Grenzöffnung ist er auch ins Ausland gereist – in die USA, nach Gran Canaria und andere bis 1989 unerreichbare Ziele.

Für den heute 52-Jährigen hat der Fall der Mauer nur Positives gebracht. „Meine Träume sind nicht nur in Erfüllung gegangen. Ich habe sie weit übertroffen“, sagt Hoffmann zufrieden – 25 Jahre nach einem für ihn aufregendsten Tage seines Lebens.


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