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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

23. Oktober 2017 | 13:54 Uhr

Das Lager Nesow : Vertriebene erinnern sich

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Am Sonntag wird ein ökumenischer Gottesdienst im Gedenken an das Lager und die Schicksale seiner Bewohner stattfinden. Später sollen dann ein Stein und eine Gedenktafel am Eingang aufgestellt werden.

svz.de von
erstellt am 08.Jul.2016 | 05:00 Uhr

Gedankenversunken stehen Brunhilde Japp und Elisabeth Hille bei der letzten noch übrig gebliebenen Baracke des ehemaligen Vertriebenenlagers. Beidseits der Bahntrasse zwischen Holdorf und Rehna hat es gelegen - mitten in der Ödnis. „Wir waren das erste halbe Jahr in einem Erdbunker untergebracht. Bis zu 30 Menschen lebten in so einer Höhle zusammen. Ohne Licht“, erinnert sich Brunhilde. Sie war damals vier, als sie mit ihren Eltern und drei Geschwistern am 20. September 1946 hier ankam. Ihre Schwester Elisabeth war da gerade ein halbes Jahr alt. Es war der letzte Transport aus dem Sudetenland, ihrer Heimat. In Skalitz hatte die Familie gelebt, als sie gut ein Jahr nach Kriegsende Post bekam: „In dem Brief stand, dass wir uns unter Androhung der Todesstrafe am 12. September im Sammellager Leitmeritz nahe Usti nad Labem einfinden sollen“, erinnert sich Elisabeth an die Erzählungen ihrer Mutter.

Ein halbes Jahr später konnten dann alle in Baracken unterkommen, die Erdbunker wurden zugeschüttet. „Bis auf den ,Totenbunker‘, der blieb noch einige Jahre erhalten“, weiß die heute 70-Jährige zu berichten.

Das Leben dort im Lager war hart: Das Wasser musste aus einem Brunnen und einer in der Nähe befindlichen artesischen Quelle geholt werden, in den zwei Zimmern, die der sechsköpfigen Familie zugebilligt waren, stand nur ein Ofen. In der Wohnküche. Das Schlafzimmer blieb kalt. Und es war kalt. „Es waren ja nur dünne Bretterwände, durch die der Wind hindurch pfiff. Im Winter gefror über Nacht selbst in der beheizbaren Küche das Wasser“, erzählt Brunhilde.

Später hatten sie und die anderen Familien dann versucht, von innen die Wände zuerst mit Zeitungen, dann mit Tapete wenigstens ein wenig zu isolieren.

„Wir Kinder fanden es eigentlich ganz toll dort. Es war Abenteuer pur und die Kinder aus der Stadt oder den umliegenden Dörfern, denen wir in der Schule davon berichteten, waren neugierig und ein bisschen neidisch“ erinnern sich die beiden Schwestern .

Für die Erwachsenen war es nicht so leicht. Zwar fühlten sie sich in der Gemeinschaft wohl, waren sie als Sudeten unter sich. Doch mit Arbeit sah es dort schlecht aus. Einzig in einer Baracke wurden aus Hobelspänen und Stroh Taschen hergestellt. Der Vater von Brunhilde und Elisabeth ging 1949 in den Westteil Deutschlands. „Er wollte dort nach besserer Arbeit suchen und uns dann nachholen. Das hat er wohl vergessen“, sagt Elisabeth sarkastisch.

Nach und nach zogen die Menschen fort. Doch erst 1967 wurde das Lager offiziell aufgelöst. Elisabeth und ihre Mutter blieben noch ein Jahr länger, dann erst bekamen sie eine neue Wohnung. Im Jahr 2001 wohnten immer noch vier Personen in drei Haushalten in den Baracken. Endgültig das Licht aus machte aber Horst Kerbstadt, er lebte bis 2013 dort.

Am Sonntag wird ein ökumenischer Gottesdienst im Gedenken an das Lager und die Schicksale seiner Bewohner stattfinden. Später sollen dann ein Stein und eine Gedenktafel am Eingang aufgestellt werden.

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