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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

18. Dezember 2017 | 19:44 Uhr

Theater in Wismar : Ungebrochene Moral

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Regisseur Holger Mahlich eröffnet „Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ mit dem fröhlichen Einzug einer bunten Truppe samt heftigem Fidelton, Oboen-Klang und Trommelschlag.

Das riesige Schiff von St. Georgen zu Wismar lässt den Menschen klein erscheinen. Der „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal macht ihm hier den moralischen Prozess. Das Gerüst einer Richtstätte ist aufgeschlagen, oben dreht sich das Schicksalsrad. Vorn ein verdorrter Baum und, wie am Galgen aufgehängt, ein Behälter aus dem der Sand der Zeit rinnt. Falk von Wangelins archaische Bühne in dem wiedergewonnenen Denkmal norddeutscher Backsteingotik lenkt die Gedanken weg vom traditionellen Gepränge der „Jedermann“-Schau im barocken Salzburg und in der Nüchternheit dieser Kirche zurück zu einer der Wurzeln des Stoffs, zur anonymen mittelalterlichen Moralität des „Everyman“ vom Beginn des 16. Jahrhunderts. Und so eröffnet denn Regisseur Holger Mahlich „Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ mit dem fröhlichen Einzug einer bunten Truppe samt heftigem Fidelton, Oboen-Klang und Trommelschlag. Wandertheaterstimmung.

Mit allegorischen Figuren, die Geistiges und Soziales personifizieren, wollte Hofmannsthal seiner Zeit um 1911 mit "ihren unsäglichen gebrochenen Zuständen" ungebrochene Moral gegenüber stellen. Das wurde damals auch schon mal Kunstgewerbe genannt. Die naive Gläubigkeit der Geschichte ist gewiss vergangen. Das „Mysterienspiel“ aber ist der gegenwärtigen Geldwelt, in der Reichtum und Armut kalt nebeneinander leben, nicht allzu fremd. In Mahlichs Inszenierung kommt das nahe im Ineinander von menschlicher Haltung und symbolischem Geschehen. Mit Partymusik, Gesang und Tanz und auch mitunter etwas aufgesetzter Action. Mit spitzen Metaphern. Der Tod spielt mit venezianischer Karnevalsmaske Keyboard und zum Ende Geige. Mammon, der aus einem goldenen Tresor kommt und als Gewalttäter agiert, lässt per Handy Jedermanns Konten auflösen.

Präsent zeigt Sascha Gluth den Jedermann als Zeitgenossen in der Kurvenbahn vom kaltherzigen King, der keinem Not-Wort zugänglich ist – „Geld sind Verträge und Rechte“ – zum verzweifelten Bettler um Beistand, wenn es zum Gericht vor dem Herrn geht. Den lässigen Besitzer nerven Mutters Worte, erregt das Weib, umfasst dunkle Ahnung, wenn Glocken in die Feierlaune dröhnen. Prägnant. Die Buhlschaft von Charlotte Sieglin ist im sündenroten Kleid ein Model für Sinnlichkeit, das mit Schreck in den Augen zittert, wenn Jedermann etwas anderes als Lust erbittet. Robert Glatzeder als wüster Teufel, quasi eine „Spottgeburt“, wie Goethes Faust Mephisto nennt, jener Gelehrte, der dem Jedermann als vom Teufel Gejagter ja weitläufig verwandt ist, als Streber aber erhöht abgehen darf. Im vitalen Ensemble haben Jedermanns „Werke“ in Julia Horvath leise berührende, der „Glaube“ gefasste Gestalt in Alexander Höchst.

Dieser „Jedermann“ wird auch von Christopher Noodts Musik befeuert. In der Festival-Fülle ringsum zeigt das Spiel im schmucklosen Sakralgemäuer, das alle Worten widerhallen lässt, viel Profanes zur Besinnung.

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