Boltenhagen : Trotz Sehbehinderung nicht wehrlos

Grenzen aufzeigen durch Worte und Haltung: Die blinden und sehbehinderten Teilnehmer lernen im Kurs mit dem Polizeibeamten Uwe Burmeister (3.v.l.) in Rollenspielen, sich selbst zu behaupten.  Fotos: mxhe
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Grenzen aufzeigen durch Worte und Haltung: Die blinden und sehbehinderten Teilnehmer lernen im Kurs mit dem Polizeibeamten Uwe Burmeister (3.v.l.) in Rollenspielen, sich selbst zu behaupten. Fotos: mxhe

In einem Kurs lernen Blinde und Sehbehinderte, wie sie sich in Bedrohungssituationen helfen können

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13. Februar 2014, 00:00 Uhr

Es ist ein beängstigendes Szenario: Eine dunkle Straße, links und rechts wiegen sich Bäume im Wind, ein Mensch ganz alleine auf dem Gehweg – und dann plötzlich Schritte hinter ihm, Stimmen, die immer lauter werden, ihm etwas zurufen. Es ist ein umso beängstigenderes Szenario, wenn der Mensch nicht weglaufen kann, obwohl er weglaufen will – weil er den Weg vor sich nicht sehen kann, weil er darauf angewiesen ist, sich vorsichtig mit dem langen, weißen Stock in seiner Hand seinen Weg zu ertasten. Weil der Mensch blind oder sehbehindert ist. Wie die Frauen und Männer aus ganz Deutschland, die jetzt in Boltenhagen zusammen gekommen sind.

In einem Selbstbehauptungskurs, organisiert vom Blinden- und Sehbehinderten-Verein MV und dem „Aura Hotel Urlaubs- und Begegnungszentrum Ostseeperlen Boltenhagen“ und durchgeführt von Mitarbeitern der Wismarer Polizeiinspektion, lernen sie, sich mit ihren Möglichkeiten bei einem Angriff zu behaupten. Sie lernen die richtige Körperhaltung und die ruhige Atmung, trainieren den stabilen Stand und das Gleichgewicht, erfahren, wie sie mit Worten kritische Situationen entschärfen können, wie man sich bewusst mit Bedrohungen auseinandersetzt, wann Notwehr beginnt und wie sie sich im schlimmsten Falle aus einer Umklammerung, dem körperlichen Angriff eines Anderen, befreien können. Sie lernen, nicht mehr wehrlos, nicht mehr ausgeliefert zu sein – in diesen Momenten, die jeder einzelne von ihnen schon erlebt hat.

Sie wolle wissen, sagt Cindy Ulrich, wie sie in Bedrohungssituationen reagieren könne. „Ich bin kein grundsätzlich ängstlicher Mensch. Aber gerade Menschengruppen, in denen die Leute größer sind als ich, wenn gepöbelt wird oder Menschen betrunken sind, das sind schwierige Situationen für mich“, sagt die sehbehinderte 31-Jährige. Bereits zum zweiten Mal besucht sie den Kurs, wolle auffrischen, was sie im vergangenen Jahr gelernt hat. „Auch wenn einem die Theorie bekannt ist: Es ist für mich faszinierend, was man alles machen kann“, sagt die Chemnitzerin. Der 52-jährige Schweriner Manfred Schulz kann aufgrund einer Erkrankung heute fast gar nichts mehr sehen. Umso wichtiger, sagt er, seien Strategien für den Alltag. „Wie die Rettungsinseln, von denen wir hier im Kurs erfahren: Man überlegt sich auf Strecken, die man regelmäßig geht und bei denen man ein mulmiges Gefühl hat, vorher, wo man im Notfall hingehen kann, wo man Hilfe findet“, beschreibt er. „Das entspannt einen ein bisschen.“ Sehende, weiß er, könnten so was meist nicht verstehen, „aber für mich ist es sehr hilfreich, so etwas hier zu lernen. Deshalb bin ich auch schon das dritte Mal bei dem Kurs.“ René Strauß ist aus Berlin nach Boltenhagen gekommen, ebenfalls zum dritten Mal. „Das Leben in Berlin gibt mir eine gewisse Freiheit“, berichtet der 35-Jährige, doch immer wieder gäbe es auch für ihn dort schwierige Situationen. „Man muss immer versuchen, mit den Leuten zu reden, aber natürlich beschäftigt es einen, wie man mit Konflikten umgehen kann. Deshalb habe ich mich auch sehr gefreut, wieder hier zu sein.“

Bereits zum fünften Mal in Folge, so Organisatorin Ursula Krause vom Blinden- und Sehbehinderten-Verein MV, werde dieser Kurs angeboten. „Die Grundidee ist, Blinde und Sehbehinderte darauf vorzubereiten, wie sie sich gegenüber Angreifern erwehren können, denn es kommt immer wieder vor, dass Blinde und Sehbehinderte angepöbelt oder angegriffen werden“, erklärt sie. In der Wismarer Polizei hätten sie einen sehr guten Partner in diesem Projekt gefunden. „Es geht darum, dass eine offizielle Person den Teilnehmern zeigt, wie man sich wehrt.“ Dabei übernehmen die Präventionsberater der Polizeiinspektion Wismar eine theoretische Schulung, Polizeibeamter Uwe Burmeister gibt die praktische Unterweisung in Konflikt- und Gefahrensituationen. Er gebe, erklärt Burmeister, sonst auch Selbstverteidigungskurse, „aber natürlich musste ich hier erst einmal die Besonderheiten der Teilnehmer kennenlernen.“

Zudem sei ihnen gleich zu Anfang des Angebotes eines klar geworden: Dass man nicht – wie eigentlich angedacht – von Selbstverteidigung sprechen könne, sondern eher von Selbstbehauptung sprechen müsse. „Bei der Selbstverteidigung ist es ja so, dass es das Ziel ist, den Angreifer zu Boden zu bringen, um dann fliehen zu können. Genau das können die Teilnehmer dieser Kurse nicht“, so Burmeister. Deshalb liege der Schwerpunkt des Angebotes viel mehr darauf, aufzuzeigen, wie man Konfliktsituationen durch rhetorische und psychische Stabilität vermeiden könne, aber auch Handgriffe zu vermitteln, mit denen sich die Kursteilnehmer im Ernstfall helfen können. „Zudem begleiten wir sie auch rechtlich, beispielsweise in Fragen danach, was man bei der Verteidigung überhaupt darf, aber auch, welche Hilfsmittel für Blinde geeignet sind.“ Pfefferspray beispielsweise könne schnell auch von einem Angreifer gegen Blinde oder Sehbehinderte eingesetzt werden. „Stattdessen empfehlen wir unter anderem spezielle Signalgeräte.“ Er sei, sagt Burmeister, immer wieder begeistert, wie selbstbewusst und selbstständig die blinden und sehbehinderten Kursteilnehmer seien. „Sie sind sehr interessiert.“ Sie freue sich, sagt dann eine junge Frau während des Kurses, nach der Veranstaltung mit dem Zug nach Hause zu fahren. „Mit der Haltung, die wir gelernt haben, ist das eine ganz neue Erfahrung.“

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