Buch über Kommunalpolitik : Thandorfer Bürgermeister greift zur Feder

Erzählt in seinem Buch „Life Lines“ aus seinem Leben: Wolfgang Reetz, Bürgermeister der Gemeinde Thandorf.
Erzählt in seinem Buch „Life Lines“ aus seinem Leben: Wolfgang Reetz, Bürgermeister der Gemeinde Thandorf.

Der Thandorfer Wolfgang Reetz hat ein Buch veröffentlicht: SVZ druckt die Lebenserfahrungen des 60-Jährigen auszugsweise ab

svz.de von
10. Juli 2018, 05:00 Uhr

Familien, die keinen Halt mehr geben. Ein Schulsystem, das keine Zukunft hat. Unternehmen, denen der Mensch nichts bedeutet. Gemeinden, die keine Identität mehr bieten. – Warum ist es so, wie es ist und welche Auswege es gibt, damit beschäftigt sich Wolfgang Reetz in seinem Buch „Life Lines“ – zu deutsch Lebenswege. Ein Buch, von dem der 60-Jährige sagt, dass es kein Mensch brauchen würde: „Es ist sogar davon auszugehen, dass die Welt dadurch nicht einen Deut besser wird.“ Auf gut 350 Seiten gibt der Bürgermeister der Gemeinde Thandorf wechselvollen Erfahrungen aus sechs intensiven Jahrzehnten seines Lebens an den geneigten Leser weiter. Mit Genehmigung des Autors druckt die SVZ in einer mehrteiligen Serie das Kapitel „Wert-volle Gemeinde“ ab.

Es waren sehr viele Fragen, die sich der Mann am Fenster, der im Prolog beschrieben worden ist, stellte und sie tangierten in irgendeiner Form alle Bereiche des täglichen Lebens. Gelten sie aber auch für das öffentliche Leben, an dessen unterem Ende die Kommune steht? Können auch Gemeinden so ausgerichtet sein, dass sie eine sichtbare, eine erkennbare Wertestruktur haben, die auch ein Alleinstellungsmerkmal im Umfeld aller Gemeinden ist? Und wenn ja: Sollten sie das auch, wäre es nützlich und hilfreich für die Menschen in dieser Gemeinde? Schließlich gilt ja als kleinster Teil der staatlichen Struktur ohnehin und selbstverständlich das im Grundgesetz verankerte Wertesystem. Im Verwaltungshandeln ist sie ein in Gesetze und Verordnungen eingebundenes System und es fragt sich, inwieweit überhaupt eine Ausrichtung mit Orientierungspotential, das auch einen Sog auslöst, sinnvoll sein könnte. Wie überhaupt ist eine Gemeinde zu führen und wie können die in ihr lebenden Menschen mit eingebunden werden?

Fragen, die ich mir spätestens im Juli 2009 zu stellen hatte, nachdem die Einwohnerinnen und Einwohner mich wenige Wochen zuvor zu ihrem Bürgermeister gewählt hatten. Jetzt war ich, ohne jemals noch überhaupt
mal wieder daran gedacht zu haben, wo ich 1965 lauthals hinaus posaunt hatte hin zu wollen, doch gleichzeitig war es so unerwartet wie überraschend.

Die Wahl hatte eine Vorgeschichte, und die fing wieder
mit der Frage nach Verantwortung und Mut, aber auch
gewachsener bzw. antrainierter Obrigkeitshörigkeit so mancher Menschen an. Zu der Zeit (und bis heute) trieb
ein als unzuverlässig und wortbrüchig bekannter Großlandwirt und Investor der Agrarindustrie in den Gemeinden des Amtsbereiches Rehna sein Unwesen, ein Geschäftemacher, dem man nicht weiter trauen konnte als ein normalwüchsiger Mann eine Waschmaschine werfen kann. Ohne auf Menschen des Ortes in irgendeiner Form zuzugehen, ohne den Kontakt zu Betroffenen oder den offiziellen Ansprechpartnern der Gemeindevertretung zu suchen, wurde ein Bauantrag für einen Gärrestebehälter in direkter Umgebung zur Wohnbebauung gestellt, was hunderte von LKW auf der schmalen Dorfdurchgangsstraße, Geruchsbelästigung und manche Unannehmlichkeit mehr bedeutete. Von der Bürgermeisterin und so manchen Einwohnern im Dorf hieß es: „Da kann man nichts machen, das ist zulässig und wenn die Ämter das so sehen, ist das so.“

Ich sah das anders, zusammen mit einer Hand voll weiterer Einwohner: „Wieso gilt unreflektiert, was ’von oben’ kommt? Wir wollen das nicht!“ Es entstand die wohl erste Protestbewegung des kleinen Dorfes Thandorf, innerhalb derer ich recht zügig und kräftig – auch auf einer Einwohnerversammlung – das Wort gegen den Gärrestebehälter ergriff. In einer anberaumten Gesprächsrunde sagte der Agrarinvestor zu, dass zwar der Behälter gebaut werden werde, das in keinem Fall aber die Vorstufe zu einer Biogasanlage darstelle. Die Worte waren die Luft nicht wert.

Das Dorf war gespalten, die Verärgerung groß und ich hielt nicht still. Im Ergebnis bat mich die „Freie Wählergemeinschaft eines Abends zu sich und fragte, ob ich nicht für das Amt des Bürgermeisters bei den in wenigen Monaten anstehenden Kommunalwahlen kandidieren würde, das sei ihr Wunsch. Ich, der ich noch nicht einmal zwei Jahre in diesem gewachsenen Dorf wohnte? Ich, der ich, was 2009 noch ein Thema für viele war, aus dem Westen kam? Wie sollte das klappen? Doch wenn ich etwas oder jemanden, wie hier und ganz massiv die Bürgermeisterin, angreife, muss ich auf der anderen Seite im Zweifel bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Ich sagte zu – und einmal ja gesagt, will ich natürlich auch die Wahl gewinnen.

Es wurde kein sauberer Wahlkampf. Viel ging es um und gegen Personen, deren Kompetenzen und deren Reputation, bis dann wenige Wochen vor der Wahl die amtierende Bürgermeisterin das Handtuch warf und völlig überraschend einen anderen Kandidaten aus ihrem Umfeld ins Rennen brachte. Am Ende wurde es ein Wahl zwischen „schon länger als Wessi im Osten“ und „als Wessi ganz neu im Osten“. Es wurde damit eine Personenwahl und für viele sicherlich auch, da nun beide Kandidaten nicht hier oder in der näheren Umgebung geboren waren, eine Wahl zwischen Pest und Cholera.

Ich gewann. 58 zu 42 Prozent hieß es nach der Auszählung. Nun musste (und wollte) ich liefern. Die Situation hatte Ähnlichkeit mit der Übernahme der Abteilungsleitung vor Jahren in der Bank: Keine Ahnung, wie das geht, aber Vorstellungen und auch eine Vision.

Fortsetzung folgt in der nächsten Woche.

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