Erinnerungen an das Grenzdorf : Spurensuche in Lankow

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Das geschleifte Dorf Lankow an der ehemaligen innerdeutschen Grenze ist nicht vergessen. Das Amt, die Gemeinde Dechow und das Grenzhus halten die Geschichte der zwangsausgesiedelten Menschen des Ortes wach.

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03. Oktober 2013, 08:03 Uhr

Lankow | Das Gehen im Gelände fällt der 66-jährigen Brigitte Bollgahn nicht leicht. Jeder Schritt ist ein Kraftakt. Aber am Vorabend zum Tag der Deutschen Einheit nimmt sie sich die Kraft und begibt sich auf Spurensuche im ehemaligen Lankow. Ihr Geburtsort, ein Dorf an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, das 1976 von der DDR dem Erdboden gleichgemacht wurde. Vor 52 Jahren, am 3. Oktober 1961, wurden die Menschen von Lankow zwangsausgesiedelt - darunter die Großeltern von Brigitte Bollgahn.

Eine Kopfsteinpflasterstraße und Obstbäume in der Landschaft, mehr ist vom ehemaligen Grenzdorf Lankow nicht geblieben. In Vergessenheit geraten sind das 1976 geschleifte Dorf und die Zwangsausgesiedelten aber nicht. Das Amt für das Biosphärenreservat Schaalsee, die Gemeinde Dechow und das Grenzhus Schlagsdorf erinnerten am Mittwoch an das Schicksal der Zwangsausgesiedelten und die Geschichte des Dorfes. Rainer Mönke vom Amt für das Biosphärenreservat überreichte der Öffentlichkeit eine neu gestaltete Infotafel, die den Niedergang des Dorfes an der ehemaligen innerdeutschen Grenze skizziert. "Der Abriss ist ein Ergebnis des paranoiden Abgrenzungswahns der DDR", so Mönke. Damit so etwas nicht wieder passiere, müsse die Geschichte in Erinnerung bleiben.

An diesem Projekt arbeitet Dr. Sandra Pingel-Schliemann. Die Politikwissenschaftlerin recherchiert seit einem Jahr über das Leben an der ehemaligen Grenze im norddeutschen Raum. Anfang 2014 will sie ihre Arbeitsergebnisse vorstellen. Dank der neuen Erkenntnisse ließ sich vor Monaten der Grenzparcours Schlagsdorf gestalten und nun der neue Infopunkt Lankow. "So wie hier in Lankow, starteten die Sicherheitskräfte am 3. Oktober 1961 in 46 Orten im ehemaligen Bezirk Schwerin die ,Aktion Festung. 65 Menschen wurden allein in Lankow, Kneese, Neuhof ausgesiedelt, 349 im Bereich Hagenow und 304 im Kreisgebiet Ludwigslust", so Sandra Pingel-Schliemann. Ihre Arbeit wird von der Landeszentrale für politische Bildung und der Landesbeauftragten für Stasiunterlagen unterstützt.

Oberhalb des Lankower Sees ist vom Niedergang des Ortes heute nichts mehr sichtbar. Nur wer sehr genau hinschaut, der entdeckt noch Reste von Fundamenten und Betonplatten. Längst hat die Natur dieses Stück Erde zurückerobert, liegt das Areal des ehemaligen Dorfes mitten im geschützten Biosphärenreservat Schaalsee.

Ein "Grenzfall", der die Akteure fordert. "Mit seiner heutigen Lage im Biosphärenreservat ist Lankow eine Herausforderung, sich bewusst der Vergangenheit zu stellen und das besondere Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu gestalten", sagt Dr. Andreas Wagner vom Grenzhus Schlagsdorf.

Die neue Informationsstätte ist für die Dechowerin Irmgard von Puttkamer der Beweis für ein wirkliches Miteinander. "Als wir anlässlich der 800-Jahrfeier Lankow den Gedenkstein errichten wollten, war es die Biosphäre, die von einem Ort des Erinnerns am Schauplatz Lankow nicht erbaut war. Umso mehr freue ich mich, dass das Biosphärenamt heute die Initiative ergriffen hat und an die Geschichte von Lankow erinnert", sagt Puttkamer. Für den Dechower Bürgermeister Jürgen Haupt ein wunderbarer Moment: "Wir sind zusammengewachsen." Er wolle alles Erdenkliche unternehmen, dass Lankow als Ortsteil von Dechow nicht in Vergessenheit gerate. Die politische Willkür habe dazu geführt, dass seit 1642 ansässige Familien ihre Heimat beraubt wurden.

Eine Anteilnahme, die ankommt. Brigitte Bollgahn ist gerührt. "Ich fühle mich gut", sagt sie am Rande der kleinen Gedenkfeier. 1947 wurde sie in Lankow geboren, wie einst ihre Mutter. Die Großeltern unterhielten im Dorf eine Stellmacherei. Die Umstände nach dem Krieg und die Politik in der DDR führten dazu, dass sie bereits vor 1961 das Dorf verließen. Am 3. Oktober 1961 fuhren Einheiten der Kampfgruppen Lübz vor. Viel Zeit blieb ihren Großeltern nicht, ihre Habseligkeiten zu packen, erinnert sich Bollgahn. Ihre Großeltern wurden umgesiedelt, in ein Dorf nahe Bützow.

Mit seiner Geschichte steht Lankow stellvertretend für zahlreiche geschleifte Orte an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Sie standen der militärischen Grenzsicherung und einem freien Schussfeld im Wege.

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