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Bauforscher bohrt nach Jahrringsmuster : Spur der Hölzer

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Bauforscher Tilo Schöfbeck ist auf dem Holzweg - und das mit Absicht. Er will dahin, wo das Forstamt Radelübbe Eichen, Buchen und Eschen geschlagen hat. Der Forscher bohrt nach, wenn es um Jahrringsmuster geht.

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erstellt am 25.Apr.2012 | 10:05 Uhr

Schönfeld/Alt Steinbeck | Dr. Tilo Schöfbeck ist auf dem Holzweg - und das mit voller Absicht. Dort, wo die Mitarbeiter des Forstamts Radelübbe Eichen, Buchen und Eschen in einem Waldstück bei Schönfeld geschlagen haben, da will er hin. Gemeinsam mit Forstamtsleiter Dr. Christof Darsow, dem Lützower Revierförster Norbert Mahlke und Waldarbeiter Hans-Herbert Schröder hat er sich an diesem Morgen auf den Weg gemacht, um sich ein paar Scheiben abzuschneiden. Die Scheiben der Bäume sind für ihn "Fingerabdrücke der Zeit". Und der Bauforscher und Archäologe braucht diese für dendrochronologische Untersuchungen.

"Dendrochronologie ist die Altersbestimmung von Holz anhand der Jahrringmuster", sagt der 38-jährige Wissenschaftler. Alle Bäume, die Jahrringe bilden, so Schöfbeck, geben in den unterschiedlichen Jahrringbreiten die jährliche Klimaentwicklung wieder. Dieses Grundmuster sei innerhalb einer klimatischen Region und einer Baumart sehr ähnlich. Durch optischen und computertechnischen Vergleich der Jahrringmuster untereinander lasse sich diese Ähnlichkeit exakt feststellen, so der Schweriner. "Aufgrund dieser Tatsache werden von Dendrolaboren Vergleichsmuster, so genannte Standardchronologien, erstellt, die durch die Verwendung von Jahrringmustern historischen Holzes im Überbrückungsverfahren einen Vergleich mit den Wachstumsmustern vergangener Jahrtausende ermöglichen", sagt Schöfbeck.

Das Dendrolabor, das die Scheiben aus dem Schönfelder Wald bekommt, gehört zum Deutschen Archäolo gischen Institut in Berlin. Dort werden sie mikroskopisch untersucht und mit den Ergebnissen sollen dann Datenbänke verbessert werden, die für diesen Bereich Mecklenburgs noch längst nicht vollständig sind. Dabei geht es insbesondere um "lebendes" Holz in Wäldern, das Aufschluss über Temperatur, Feuchtigkeit, kältere oder wärmere zurückliegende Jahre geben soll. Aufgrund der regionalen Klimasignale, die sich in den Jahrringsmustern der unterschiedlichen Baumarten widerspiegeln, lässt sich häufig auch die Region der Holzherkunft ermitteln.

Mit dem Handbohrer geht’s ins Dachgebälk

Dr. Tilo Schöfbecks Ausflug zur Grundlagenforschung in die Wälder ist aber eher seltener Natur. Als Bauforscher folgt er vielmehr der Spur der Hölzer in alte Kirchen, Schlösser oder betagte Häuser. Dann steigt er ins Gebälk und zückt seinen Holzbohrer, um den Dachbalken Bleistift dicke Proben zu entnehmen. "Beprobt man histo rische Hölzer, beispielsweise aus einer Dachkonstruktion, benötigt man in der Regel mindestens 50 Jahrringe zum Vergleich und den letzten gewachsenen Jahrring (Waldkante), um das Fälljahr (Todesjahr) des Baumes ermitteln zu können", erklärt Schöfbeck. Aufgrund der grundsätzlichen Verwendung von schlagfrischem Holz in historischer Zeit lasse sich daraus dann, so der Fachmann, ein exaktes Datum für den Bau oder den archäologischen Befund ableiten.

Der Kirchturm von Groß Salitz wurde 1463 gebaut, der Turm der Demerner Kirche 1559 und das Gutshaus Ganzow stammt aus dem Jahr 1688 - dies sind nur einige Ergebnisse, zu denen Dr. Tilo Schöfbeck gekommen ist. Seit 1994 hat er weit mehr als 1000 unterschiedliche Gebäude - darunter rund 100 Kirchen - untersucht. Aber auch zahlreiche Kunstobjekte wie Skulpturen oder Altäre nahm er unter die Lupe, um Licht in die Geschichte zu bringen. Und manchmal musste die Geschichte auch umgeschrieben werden. Seine Forschungen haben ergeben, das das Doberaner Münster wohl 70 Jahre älter ist, als bisher angenommen.

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