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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

21. November 2017 | 00:16 Uhr

Gadebusch : Späte Gnade für verbrannte Hexen

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Die Stadt Gadebusch will als erste Stadt in Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam mit der Kirche die Verurteilten rehabilitieren

svz.de von
erstellt am 15.Dez.2015 | 21:00 Uhr

Gadebusch wird als erste Stadt in Mecklenburg-Vorpommern verurteilte Hexen rehabilitieren. Dazu hat sich die Stadtvertretung am Montagabend durchgerungen.

Die Linke hatte das Thema auf die Tagesordnung gesetzt und damit eine turbulente Diskussion losgetreten. Von „habt ihr nichts Besseres zu tun“ bis „was hat das mit heute zu tun“, musste Thomas Konieczny nach eigener Aussage Fragen beantworten. Der Stadtvertreter hatte recherchiert und den Antrag formuliert. Die Namen von 40 Verurteilten hat er gefunden. Wird das Gebiet auf Paetrow, Passow, Veelböken erweitert, sind rund 100 vermeintliche Hexen dem Grauen der Zeit zum Opfer gefallen. „Die Vorwürfe waren erfunden. Sie entstanden aus Missgunst und Denunziation“, erklärte Konieczny. Diese historische Schuld will die Fraktion wieder gerade rücken und die Verurteilten zumindest moralisch wieder rehabilitieren.

Unterstützer des Anliegens ist die Kirche. Gadebuschs Pastorin Ariane Baier bekannte zuerst einmal, „ich habe mich sehr gefreut, als ich von dem Antrag gehört habe“. Die Kirche hatte im 15.und 16. Jahrhundert – der Hochzeit der Hexenverbrennung – kräftig mitgemischt. „In dieser Zeit ist alles weggebrochen“, sagt sie. Amerika wurde entdeckt, Kriege brachen über Europa herein, der Mensch entdeckte, nicht allein vom Willen Gottes abhängig zu sein, sondern sein Schicksal selbst bestimmen zu können. Martin Luther schlug seine Thesen an und löste die Reformation aus. Das stellte die damalige Welt auf den Kopf. In diesem Klima gedieh die Hexenverbrennung. „Das war etwas Selbstverständliches“, erklärte die Pastorin. „Dieses dunkle Stück unserer Geschichte sollten wir nicht verschweigen.“

Gadebusch schließt sich mit seinem Votum einer deutschlandweiten Bewegung an. In Bamberg, Trier, Schleswig sind schon ähnliche Entscheidungen gefallen. In der Münzstadt sollen die Hexen und ihr dramatisches Schicksal Eingang in das Lutherjahr 2017 finden. „Die Form der Ehrung muss noch geklärt werden“, sagt Konieczny. Zum einen will die Linke, dass ein Gedenkstein oder eine Stele mit den Namen aufgestellt wird. Zum anderen soll der Kulturausschuss die Zusammenarbeit mit der Kirche koordinieren.

Die Historikerin Katrin Moeller hat sich mit der Hexenverfolgung in Mecklenburg-Vorpommern intensiv beschäftigt und sieht die Bestrebungen in Sachen Rehabilitierung durchaus kritisch. „Damit unterstellt man, dass die Menschen damals absichtlich Unrecht begangen hätten.“ Dem sei aber nicht so. Die Prozesse in dieser Zeit seien rechtlich in Ordnung gewesen.

Aufhorchen lässt, das es besonders im Bereich Rehna-Gadebusch nach dem Dreißigjährigen Krieg 1648 viele Hexenprozesse gegeben hat. „Die Rechtsmaßstäbe wurde heruntergefahren.“ Das heißt, selbst zweifelhafte Zeugenaussagen reichten schon, um als Hexe vor Gericht zu landen. Diese Aussagen wurde zum großen Teil von bereits Verurteilten unter Folter erpresst. Kettenprozesse nennt das die Wissenschaftlerin. Katrin Moeller empfiehlt, in der Auseinandersetzung mit dem Thema „ eine Form des Erinners und Gedenken“ zu finden. Aber keine Rehabilitierung.

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