Pokrent/Stöllnitz : Sondermüll im Getreidefeld

Von Neuendorf aus wird die Zufahrt zum Windpark gebaut. Fotos: volker bohlmann
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Von Neuendorf aus wird die Zufahrt zum Windpark gebaut. Fotos: volker bohlmann

Straßenbau für Windpark: Gollan muss belasteten Schutt zurückbauen. Bürger kritisieren fehlenden Naturschutz

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05. Juli 2014, 00:00 Uhr

Schotter ohne Ende, kein Geld, aber Recyclingmaterial der besonderen Art hat die Gemeinde Pokrent aktuell mehr als genug in ihrem Territorium. Zumindest auf den Feldern um Neuendorf. Dort verbaut das Unternehmen Gollan im Auftrag von privaten Investoren Tonnen von grob geschredderten Beton und Baumaterial. Glasscherben, Folienreste, Kunststoff – die Zusammenstellung wirft bei den Bürgern Fragen auf. Sie berichten von üblen Gerüchen.

Ein Thema für den heißen Draht der SVZ, meint ein Bürger aus Neuendorf* (*Name der Red. bekannt). Er will seinen Namen nicht veröffentlichen, hält es aber für dringend geboten, die Öffentlichkeit zu informieren. Er berichtet von einem hohen „Kunststoffanteil, Steckdosen, Silikon, Pappe“ im angeblich zertifizierten Recycling, der als Unterbau für die Zuwegung zum künftigen Windpark dienen soll.

Auch die Gemeinde Pokrent ist informiert. Das zuständige Amt Lützow-Lübstorf reagiert umgehend, findet vor Ort stichhaltige Beweise. Amtsleiterin Iris Brincker: „Die eingebrachte untere Tragschicht bestand aus nicht zertifiziertem Material. Das muss ausgebaut und ersetzt werden. Wir kontrollieren den Vorgang.“ Sie spricht von einer „konstruktiven Klärung“ des Problems.

Auf Anfrage der SVZ reagiert die Recyclingfirma. Der technische Leiter Bodo Scherbarth bestätigt die Absprachen mit dem Amt Lützow-Lübstorf und begründet die Lage aus Unternehmenssicht: „Auf Grund eines Defektes am Windsichter kam es zu einer Vermengung von mineralischen Stoffen und Kunststoffen.“ In der Maschine werden schwere Stoffe von leichten mittels Luftstrom getrennt. Sicherlich hätte der Defekt schneller entdeckt werden müssen, meint Scherbarth, aber solch eine „Maschine gibt 1500 Tonnen am Tag aus“. Folglich waren einige Meter der Baustraße schon fertiggestellt.

Pokrents Bürgermeister Stefan Janssen ist über die Situation wenig erfreut: „Das Material entsprach nicht der Güte, die vertraglich festgelegt war.“ Glücklicherweise habe man schnell reagiert. Die Frage nach der Gütekontrolle durch die Recyclingfirma bleibt offen.

Von konstruktiv ist im Nachbardorf Stöllnitz nicht die Rede. Grund: Das beauftragte Fuhrunternehmen lenkt seine Brummis mit der Schwerlast durch den Ort, über die Pokrenter Straße in Richtung Felder, wo der Windpark entstehen soll. „Die fahren die Wege kaputt. Schauen sie sich mal die Spuren im Asphalt an“, sagt Steffen Bergmann. Die Brummis stehen Schlange, parken am Ortseingang und fahren nach Absprache ins Gelände. Mal sind die Laster mit Schutt, mal mit Erdreich befüllt.

Folglich bekommen die Stöllnitzer die volle Belastung für den Windparkbau zu spüren. Geplant war es möglicherweise anders. Lützows Amtsleiterin Iris Brincker: „Es gab eine Variantenprüfung für die Zuwegung. Die Erschließung erfolgt von Pokrent aus.“ Darüber wurden die Einwohner der Gemeinde Pokrent auf verschiedenen Versammlungen informiert.

Stöllnitz ist außen vor und liegt im Zuständigkeitsbereich des Amtes Gadebusch. Bodo Scherbarth sieht das anders, informiert sich: „Die Zuwegung Stöllnitz war von Anfang an Bestandteil der Planung. In zehn Tagen sind wir mit dem Wegebau fertig, erfolgt die Zufahrt ausschließlich von Pokrent.“

Dennoch brodelt die Volksseele. In Stöllnitz wollte niemand einen Windpark mit 13 Anlagen. „Wir haben uns dagegen ausgesprochen“, so der Krembzer Gemeindevertreter Gerhard Rickert. Seine und die Pokrenter Gemeinde haben aber keinen Einfluss auf die überörtlichen Planungen. Das Areal ist eine Weißkartierungsfläche mit Vorbestimmung Windeignungsgebiet. Grundstückseigentümer aus Schildetal und die Nordwind GmbH treiben das Bauvorhaben voran. Die Gemeinden sind außen vor.

In Sachen Umwelt und deren Schutz winkt Heidrun Rickert ab. Sie zweifelt bei diesem Projekt an der Kompetenz der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises und greift zum Telefon und macht ihrem Ärger am heißen Draht der SVZ Luft. „In Gadebusch will der Kreis wegen eines Storchenpaares nach 19 Jahren das Feuerwerk verbieten. An die bei uns in direkter Nachbarschaft zum Windpark brütenden Störche hat niemand gedacht“, so die Stöllnitzerin. Kein Mensch müsse sich über den Niedergang der Storchenpopulation wundern. Ob die Adebars aus Stöllnitz und Neuendorf den 150 Meter hohen Anlagen ausweichen können, bleibt für die Bürger mehr als fraglich. „Den Sachbearbeiter des Kreises hat das nicht interessiert. Er meinte nur ,mal ruft einer wegen einen Storch, mal wegen eines Milans an‘“, erzählt Heidrun Rickert. Ebenso fraglich bleibt für die Menschen der Region der Umgang mit dem Getreide. Das wurde wenige Tage vor der Ernte platt gemacht.


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