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Westmecklenburg : Sextäter will sich Stillschweigen erkaufen

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In Mecklenburg-Vorpommern wird nach den jüngsten Vorfällen über sexuelle Übergriffe auf Kinder diskutiert. Erneut ins Blickfeld rückt dabei der Fall eines Karatetrainers, der sich zwei Jungen unsittlich genähert hatte.

svz.de von
erstellt am 19.Okt.2012 | 05:54 Uhr

Gadebusch | In Mecklenburg-Vorpommern wird nach den jüngsten Vorfällen breit über sexuelle Übergriffe auf Kinder diskutiert. Erneut ins Blickfeld rückt dabei der Fall eines Karatetrainers, der sich zwei Jungen unsittlich genähert hatte, "Manipulationen an den Geschlechtsteilen" vornahm. Die Kinder aus Nordwestmecklenburg waren zum Zeitpunkt der Taten acht bzw. zehn Jahre alt. Sie nahmen in Crivitz zu unterschiedlichen Zeitpunkten an Feriencamps teil.

Der Trainer und Betreuer hatte sich nach SVZ-Recherchen nachts in den Gemeinschaftsschlafraum von Jungen begeben. Dort nahm er die sexuellen Handlungen vor. Ein Kind stellte sich dabei schlafend: "Es war nur ekelig (...) Ich hatte Angst, dass die anderen Jungs etwas mitbekommen." Nach Camp-Ende vertraute sich das Opfer seinem Vater an. Dieser schaltete die Polizei ein.

Ins Visier der Ermittler geriet ein Mann, der seit Jahren als Kampfsportler und Karatetrainer - auch in Westmecklenburg - tätig ist. Für die Staatsanwaltschaft Schwerin reichten die Ermittlungsergebnisse der Polizei zur Anklage von Toni J. (Name der Redaktion bekannt) wegen sexueller Handlungen an zwei Kindern aus. Das Amtsgericht Parchim verurteilte den gebürtigen Schweriner zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von elf Monaten, deren Voll streckung zur Bewährung auf drei Jahre ausgesetzt wurde. Der Mann muss zudem eine Therapie an einem Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie fortsetzen.

Die Eltern eines der Opfer fürchten, dass der Mann weiterhin Kontakt zu Kindern und Jugendlichen haben und als Trainer in Norddeutschland tätig sein könnte. "Wir fordern im Interesse von Kindern, dass solch ein Mann nie wieder im Nachwuchsbereich aktiv und ihm der Trainerschein entzogen wird", so die Eltern. Was sie sprachlos macht, ist ein aktuelles Zahlungsangebot des strafrechtlich verurteilten Karate-Trainers in Höhe von 1000 Euro. "Die Eltern sollen sich hierbei per Unterschrift dazu verpflichten, Stillschweigen über das Ganze zu bewahren...", verdeutlicht Opfer-Anwältin Christine Habetha. Das Wort "Schweigegeld" benutzt sie in diesem Zusammenhang nicht. Klar ist nach Meinung von Juristen: Der hoch ausgebildete Karatetrainer könnte bei Angebotsannahme einem öffentlich verhandelbaren Zivilrechtsprozess umgehen.

Dass der Kampfsportler überführt werden konnte, ist nach Angaben der Opfer-Anwältin auch der akribischen Ermittlungstätigkeit der Polizei zu verdanken. So machten die Beamten unter anderem einen zweiten Jungen im Landkreis Nordwestmecklenburg ausfindig. Er war bereits drei Jahre zuvor Opfer des Mannes während eines Karate-Feriencamps in Crivitz geworden. "Ich gehe von einer Dunkelziffer aus", so Habetha.

Die Deutsche Kinderhilfe fordert, dass nach Bekanntwerden derartiger Fälle unter Verdacht geratene Trainer und Betreuer umgehend zu suspendieren sind. Gegen sie sollte bis zur endgültigen Klärung der Vorwürfe auch ein Betretungsverbot von Vereins- und Trainingsräumen verhängt werden. "Interne Vereinslösungen halte ich grundsätzlich für falsch. Das Ganze muss strafrechtlich aufgearbeitet werden", sagt Rainer Becker von der Deutschen Kinderhilfe.

Deutsche Kinderhilfe sieht Gesetzgeber in der Pflicht

Auch vor dem Hintergrund jüngst bekannt gewordener Fälle fordert die Deutsche Kinderhilfe eine Nachbesserung der Gesetzeslage. Es müsse zur Pflicht werden, dass Sportvereine, Musikschulen oder Kirchen ein erweitertes Führungszeugnis von jedem ehrenamtlichen Mitarbeiter einfordern. "Gerade die ehrenamtliche Betreuung von Kindern und Jugendlichen ist ein Einfallstor für Pädokriminelle", warnt die Vorstandssprecherin der Kinderhilfe, Julia M. Hofmann. Das "einfache" Führungszeugnis sei nicht ausreichend. Denn es weise Delikte, die nach Jugendstrafrecht verurteilt wurden, ebenso wenig aus, wie bereits verjährte Delikte und Sexualdelikte. Sexualstraftäter seien von ihrer Veranlagung her potentielle Wiederholungstäter.

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